Yvonne Malak: Musik-Zyklen akzeptieren

Spotify, Tik Tok und die daraus resultierende Arbeit der Musik-Industrie bescheren uns derzeit einen sehr, sehr schwachen aktuellen Musik-Zyklus. Aber: es gibt eine Lösung – dazu später.

Spotify verstärkt den Trend zu kürzeren Titeln, durch Tik Tok werden über kurze eingängige (und oft tanzbare) Sequenzen Songs hoch gespült, die nur wegen des Hooks zu Radio- und Charthits werden und die Guettas und Kygos dieser Welt recyceln mehr als die Wertstoffhöfe des Landes… Konsequenz: es gibt nur wenige aktuelle „Überhits“ (also qualitativ hochwertigere und bleibende Songs wie „Shape of you“ oder „Blinding Lights“, die mehr als eine Saison überleben) und wenn eine Taylor Swift ein neues Album veröffentlicht und ihre Fans deren Songs in Dauerschleife streamen, belegen mehrere Cuts aus einem einzigen Album gerne mal die ersten Plätze der Spotify Charts. All das trägt nicht gerade zu Abwechslung bei aktueller Musik bei. Soweit die schlechte Nachricht. Die Gute: bessere Zeiten werden (wieder) kommen!

Der amerikanische Radiomacher Guy Zapoleon hat die Theorie des „Zehn-Jahres-Musik-Zyklus entwickelt“ (https://guyzapoleon.com/10-year-music-cycle/). Demnach befinden wir uns gerade in der letzten Phase eines solchen Zyklus‘, den er als „Doldrum“ (Flaute) bezeichnet.

Die Theorie in Kurzform: ein Zyklus beginnt immer dann neu, wenn ein neuer wegweisender Künstler oder eine neue Form der Übertragung bzw. eine neue Plattform einen Wendepunkt in der und für die aktuelle Popmusik markiert. Neue Künstler kommen nach oben, neue Trends erobern die Musik. Nach einigenJahren kommt nicht mehr viel Neues, die Weiterentwicklung der Sounds wird zu edgy, und danach wird dann nur noch kopiert und es folgt wie aktuell eine Flaute…

Hier die Musikzyklen in der Popmusik, laut Definition von Gu Zapoleon. Hier siehst du auch, dass es plus/minus zehn Jahre sind und nicht immer exakt zehn…

Musikzyklus #1 1956 Künstler: Elvis
Musikzyklus #2 1964 Künstler: The Beatles
Musikzyklus #3 1974 Alben: Led Zeppelin, Rolling Stones, Fleetwood Mac, Stevie Wonder
Musikzyklus #4 1984 Plattform + Künstler – MTV und seine Künstlergeneration
Musikzyklus #5 1997 Plattform: Das Internet und Napster ermöglichen kostenlose Musik und den Austausch von Dateien
Musikzyklus #6 2005 Plattform: American Idol
Musikzyklus #7 2015 Plattform/ Technologie: Mobiltelefone und Streaming
Demnach wäre es bald wieder soweit, dass der neue Elvis die CHRs und ACs dieser Welt erlöst 😉

Der amerikanische Radio-Experte Matt Bailey sieht in einer lesenswerten und gut durchargumentierten Theorie den Wechsel 2026: https://integr8research.com/blog/why-new-music-wont-suck-forever

Du kannst diesen Theorien folgen oder nicht. Fakt ist, dass es in den letzten drei, vier Jahren im Hot AC/ CHR Bereich nur wenige Songs gab, die es von der Hit-Kategorie dauerhaft in den Back-Katalog geschafft haben.

Was tut man bis zum Beginn des nächsten Zyklus‘ bzw. Erscheinen vieler hochwertiger neuer Hits, wenn man für die Musik in einem Hot AC oder CHR verantwortlich ist? Die Situation akzeptieren und das beste daraus machen. Das Problem der aktuellen Musik UND eine der Lösungen zeigt (auch) die „Music Super Study“, die Coleman Insights über vier Jahre in den USA zum Thema „aktuelle Hits“ gemacht hat. Hier der Top Song 2020, 2021 und 2022….

und hier siehst du die Veränderung in den Top Ten von 2021 auf 2022

Nur ein Song hat es binnen eines Jahres NEU auf eine der top Positionen geschafft: Adele mit „Easy on me“.

Was bedeutet das jetzt für Hot AC und CHR Formate?

  1. Weniger ist mehr: du wirst derzeit keine 20 oder gar 30 aktuellen Hits finden, die du guten Gewissens spielen kannst! Und du wirst nicht mehr als fünf, maximal sieben vernünftige Neuvorstellungen finden, die es dann auch in die Top Kategorien schaffen.
  2. Recurrent ist das neue Stay Current
    Irgend etwas musst du ja spielen… wenn es nicht die xte Nummer von Topic, Twocolors oder die dritte VÖ aus dem Album von Taylor Swift sein soll (die ist dann wirklich nur was für Fans). Dann spielst du eben einen aktuellen Song von Ofenbach weniger und einen Recurrent von The Weeknd mehr („Blinding Lights“ ist zwar fast vier Jahre alt, aber immer noch ein großartiger, beliebter Song).
  3. Höre auf deine Hörer!
    Es gibt Songs, die sind nicht „totzukriegen“. Das ist natürlich von Sender zu Sender und von Markt zu Markt unterschiedlich. Wenn Hörer einen Song immer noch mögen und er keinen nennenswerten Burn hat, ist egal, wann er erschienen ist. „Star Walking“ ist ein dreiviertel Jahr alt, hat bei vielen Sendern über 1000 Plays „auf dem Buckel“, bleibt aber für viele, viele Hörer immer noch ein aktueller Hit. Behalte solche Songs, solange du kannst als in der Power-Kategorie. „My Universe“ von Coldplay X BTS ist fast zwei Jahre alt und immer noch ein beliebter Stay Current – bei vielen Sendern ohne Burn. Behalte solche Songs länger als sonst. Wenn die Hörer diese Songs lieben und ihrer nicht überdrüssig werden, gibt es keinen Grund, sie zurückzustufen…
  4. Akzeptiere die Phasen der Musik.
    Mitte des letzten Jahrzehnts hatte aktuelle Musik einen mega Peak ! Hot AC und CHR Sender waren deutlich im Vorteil gegenüber Oldiesendern – das neue Material war wirklich hörenswert und es lohnte sich, auf dem Lieblingssender zu bleiben, um immer wieder Neues zu entdecken. Viele der Hits aus dieser Ära, die auch den Beginn eines neues Musikzyklus markierte, haben es dauerhaft in die Backkataloge geschafft. Von „Waves“ über „Prayer in C“, „Photograph“, „Hello“, „Human“, „Faded“ bis hin zu „Thunder“ und eben „Shape of you“.

Jetzt – einige Jahre später sind wir eben in der „Doldrum“ Phase mit Musik, die es nur zu einem Bruchteil schaffen wird, Jahre oder gar Jahrzehnte zu überdauern.

Warten wir also ab, bis wieder ein neuer Musikzyklus beginnt und uns im Hit-Bereich jede Menge Highlights bietet.

Bis dahin: machen wir das Beste draus – mit einer guten Musikplanung, die abwechslungsreich klingt, sinnvollen Kategoriegrößen und kleinen Highlights zwischendurch, die auch ein Hitsender setzen kann. Du hast eh keine andere Wahl… Würde ein Hitsender jetzt anfangen, plötzlich Oldies oder Rocksongs in seine Playlist zu mischen, wäre das eine Art „Selbst-Zerstörung“… q.e.d. (wer suchet, der findet…).

Viel Erfolg weiterhin,

Deine Yvonne

Yvonne Malak
Das Moderationshandbuch: Alles, was Radio-Profis wissen müssen
201 Seiten
ISBN 3848782723
39,00 € Nomos

Yvonne Malak ist Radioberaterin und berät eine Vielzahl von Radiostationen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Yvonne Malak schreibt monatlich für die radioWOCHE. Die nächste Ausgabe erscheint am 01. Mai 2024.

Alle bisher veröffentlichten Publikationen von Yvonne Malak finden Sie auch unter www.my-radio.biz/category/publikationen/radiowoche/

Escape drücken, zum schließen