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Yvonne Malak: Do’s und Don’ts für Star-Hosts – 15 Punkte, die jeder (Morgen-)Moderator beachten sollte (Teil 2)

Von „Cast erweitern“ bis „Die Heimat feiern“ – hier Teil 2 der häufigsten Defizite, die mir beim Abhören von deutschen Morgenshows für mein neues Buch „Die Morgenshow“ aufgefallen sind:

Don’t: Lügen!
Ich bin ein Gegner von „Scripted Reality” im Radio, also erfundenen vorgeschriebenen Geschichten und Erlebnissen. Ja, es gibt eine Menge – auch großer – Sender, die ihre Hörer seit Jahren erfolgreich anlügen. Was passiert aber wohl in Zeiten von sozialen Medien, wenn die schöne Singlefrau plötzlich mit Mann und Kind im Park gesehen wird oder wenn irgendwie rauskommt, dass die tragische Geschichte über die todkranke beste Freundin erfunden ist (alles schon passiert!)?

Erstens können Sie einen solchen Vertrauensbruch nur schwer wieder wettmachen und zweitens spüren Hörer, wenn etwas nicht stimmt. So formuliert der amerikanische Morgenshow-Coach Steve Reynolds folgendes Credo für Morgenshow-Teams: „Die Moderatoren sind immer ehrlich, es gibt keine Fakes“

Do: Mit der Stimme arbeiten
Ein wirklich guter Moderator kann mit der Modulation seiner Stimme den Inhalt einer Moderation unterstreichen und Interesse beim Hörer wecken. Am interessantesten finde ich diesbezüglich Ken Bruce auf BBC Radio 2 – „The King of Mid Morning Airwaves“. Für mich ist er der Meister der Modulation und Betonung (werktags MEZ 10:30 bis 13:00 Uhr).

Don’t: Promotions übertreiben
Viele Sender in Deutschland sind auch heute noch Promotion-getrieben. Dabei machen wir die Promotions für die, die nicht mitspielen. Das ist immer die Mehrheit der Hörer. Wenn Sie eine Promotion haben, bei der 20 Prozent der Hörer mitmachen, ist das nicht nur eine sehr, sehr attraktive Promotion, sondern auch eine Seltenheit. Standard sind – auch bei guten Gewinnspielen – Mitmachquoten um die 10 Prozent. Eine gute Promotion kann strategisch vieles für den Sender tun. Aber vergessen Sie nie, dass in der Regel zwischen 80 und 90 Prozent Ihrer Hörer nicht an der Promotion teilnehmen und demzufolge auch nur geringes Interesse an den entsprechenden Breaks haben. Gerade am Morgen, wenn Ihr Inhalt so interessant sein muss, dass er stärker ist, als das tägliche Leben, gilt deshalb: Machen Sie Ihre Promotions interessant, so lang wie nötig, aber vor allem SO KURZ WIE MÖGLICH!

Do: sich um seine Region kümmern
„Gerade gegenwärtig gewinnt die Heimat durch die beschleunigte Herausbildung globaler Kommunikation und soziokultureller Zusammenhänge immens an Bedeutung“, fasst Theresa Sophie Obermaier in ihrer Bachelor-Arbeit zum Thema „Das Heimat-Moment in der Globalisierung“ zusammen.

Dass jeder Moderator sein Sendegebiet in- und auswendig kennt, ist selbstverständlich.

Das i-Tüpfelchen: Kümmern Sie sich um Ihr Sendegebiet, um die Heimat Ihrer HörerInnen. Ein Beispiel hier ist Hitradio Ohr, das zusammen mit HörerInnen und unter der Schirmherrschaft des Ortenauer Landrats Frank Scherer seine Region seit dem Frühjahr 2014 regelmäßig vom Müll befreit. Nahmen bei der ersten „Kreisputzete“ nach 3.000 Anmeldungen immerhin schon 6.000 Ortenauer teil, waren es 2018 sogar 14.000 HörerInnen, die mitgemacht haben. Für einen Sender mit einer Tagesreichweite um die 130.000 ein beachtlicher Wert! Die „Kreisputzete“ gewann 2014 sogar den Deutschen Radiopreis für „Die beste Promotion“.

BB Radio feierte jahrelang große Erfolge mit der Aktion „Scheine für Vereine“. Viele Sender in ländlichen Gebieten starten Aktionen für die Freiwilligen Feuerwehren in ihrem Sendegebiet oder sie unterstützen – wie Top FM in Fürstenfeldbruck – Vereine mit kostenlosen Stellenanzeigen, da diese ja gerade alle unter Nachwuchsmangel leiden.

In einer globalisierten Welt gewinnt die Heimat neue Bedeutung – auch für junge Menschen. Kümmern Sie sich um die Heimat Ihrer Hörer. Sympathiepunkte sind Ihnen sicher.

Don’t: Übertriebene Bilder
Die beiden großen Radiomacher Andreas Kuhlage und Jens Hardeland von N-Joy schreiben in Radio-Personalities 2015 (Maloney/Wienken 2015: 111): „Wir wissen nicht, wie oft wir schon den Satz gehört haben ‚Radio ist Kino im Kopf‘. Unsere Version der Binsenweisheit geht so: ‚Radio ist Kino im Radio‘. Als Moderatoren einer Morgenshow, die an ein Publikum adressiert ist, das keine Zeit hat, können wir uns schlicht und ergreifend nicht leisten, darauf zu warten, bis die Fantasie unserer HörerInnen das gewünschte Bild zu unserer Moderation im Kopf gemalt hat.“

Genau! Ein Bild entsteht automatisch, wenn der Moderator eine gute Geschichte gut erzählt und sinnvoll aufbaut.

Do: Umfeld einbeziehen und den Cast erweitern
Flo‘s Oma Gertrud ist ein festes Mitglied des Casts von HITRADIO  N1 in Nürnberg, ebenso wie der echte (!) Taxifahrer Malter. Beide decken zusätzliche Sinus-Milieus ab, erweitern die Sichtweisen auf Themen oder bringen Kontrapunkte in eine Diskussion, in der das Team sonst einer einheitlichen (langweiligen) Meinung wäre.

Mehr Leute bringen mehr Leben, mehr Aspekte, decken mehr HörerInnen ab, bieten mehr Punkte zum Andocken und machen damit eine Show erfolgreicher.

Don’t: Egoistisch sein
Wenn eine Morgenshow durch mehrere Persönlichkeiten getragen wird, müssen auch alle dieser Persönlichkeiten „ihre Momente” bekommen und Platz zum „Strahlen” haben. Ein guter Anchor ist ein Anchor, der sich auch mal zurücknehmen und die Showtreppe für seine Co-Stars „bauen” kann.

Ganz fantastisch macht das z.B. Ryan Seacrest bei KIIS FM in Los Angeles. Die Co-Stars bekommen sehr viel Raum für ihre Geschichten und tragen so zu Spannungsbögen über Tage, Wochen und Monate bei.

DO: EIN LEBEN HABEN!
Zu einer erfolgreichen Morgensendung gehören unendlich viele Aspekte – von der Strategie über handwerkliche Grundregeln bis hin zu persönlichen Themen.

Inhaltlich am wichtigsten sind die persönlichen Themen aus dem eigenen täglichen Leben oder dem der Team-Kollegen. Das Ganze präsentiert mit Emotion und angemessener Empathie, gewürzt mit einer Portion Lebensweisheit, mit der die Protagonisten, wann immer es geht, ein Licht am Ende eines dunklen Tunnels aufzeigen – das ist die Mischung, die Bindung erzeugt und Stars ausmacht.

In diesem Sinne: wenn Sie nicht schon ein Star in Ihrem Sendegebiet sind – viel Spaß auf dem Weg dahin. Und vor allem: haben Sie ein aufregendes Leben.

Ihre
Yvonne Malak

Yvonne Malak
Die Morgenshow
256 Seiten, 17 Abb., Broschur
ISBN 978-3-86962-431-0
24,00 € Herbert von Halem Verlagsgesellschaft
https://www.halem-verlag.de/die-morgenshow/

www.my-radio.bizYvonne Malak ist Radioberaterin und berät eine Vielzahl von Radiostationen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Yvonne Malak schreibt monatlich für die radioWOCHE. Die nächste Ausgabe erscheint am 01. November 2019.

Alle bisher veröffentlichten Publikationen von Yvonne Malak finden Sie auch unter www.my-radio.biz/category/publikationen/radiowoche/

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