
Freitag, 26. Juni, kurz nach 10 Uhr Berlin Kudamm: eine Ära geht zu Ende. „Arno und die Morgencrew“ sind Geschichte. Arno Müller gibt nach 35 Jahren seine Show ab (unter Standing Ovations von Wegbegleitern und Freunden). Jan Lohan übernimmt und so kommt dem jungen Kollegen eine große Aufgabe zu: das „Lagerfeuer“ zwischen 6 und 10 Uhr am Brennen zu halten.
So wie der „Tatort“ das letzte TV-Lagerfeuer ist (Marktanteile bis 30 Prozent), ist die Morgenshow das letzte Radio-Lagerfeuer, vor dem sich Familien versammeln.
„Arno und die Morgencrew“ ist der Beweis für die positive Auswirkung, die eine Morgenshow auf das Gesamtergebnis eines Senders haben kann. Die Show war immer ein Einschaltgrund und wie alle großen Morningshows ein Quotenbooster.
Hier ein aktuelles Zahlenbeispiel: 104.6 RTL hatte in der letzten MA (2026/I) eine Stundennettoreichweite von glatt 100.000 Hörern. Der Morgen erreichte allein zwischen 7 und 9 Uhr im Schnitt ca. 135.000 Hörer. Am Tag schwanken die Stunden stark, nur die 10-Uhr-Stunde liegt noch bei 102.000, alle anderen oft deutlich darunter. Die vier Stunden der Morgenshow wirken sich massiv auf die gesamte Stundennettoreichweite über den Tag aus und ziehen alle anderen Stunden mit nach oben.
Wenn man die 100.000 Hörer pro Stunde als Index 100 nimmt, ergibt sich für den Morgen vs. den Tag ab 10 Uhr folgender Index:
Zeitraum – Durchschnitt (in Tsd.) – Index
06–10 Uhr – 122,8 – 123
10–18 Uhr – 86,0 – 86
Der Morgenshow-Durchschnitt ist also rund 43 % höher als der Daytime-Durchschnitt (122,8 vs. 86,0) und maßgeblich mitverantwortlich für die Gesamt-Quote. Bei anderen Sendern mit bekannten, starken Morgenshows ist das ähnlich.
Ein wichtiges Credo Arnos über 35 Jahre konstanter Strategie bei 104.6 RTL: „Concentration of forces“. Während die Tagesmoderatoren (ich war selbst mal eine dort) ihre Shows so gut wie ganz allein gestalten, wurde die Morgencrew inhaltlich bzw. personell stark unterstützt. Mit Erfolg. Bei seiner Rede nach der letzten Show kam Arno auch nochmal auf dieses Prinzip zurück und gab den Kollegen den Rat mit, auch in Zukunft alles Überflüssige wegzulassen und sich bei der Programmgestaltung auf das Erfolg Bringende zu konzentrieren.
Mit anderen Worten: Der „Beitrag“ um 11 Uhr 40 wird nichts für die Quote tun – im Gegenteil. Dieselbe Arbeitszeit des Redakteurs täglich in eine gute Idee für den Morgen gesteckt, kann dagegen das wichtige Morgen-Lagerfeuer unterstützen.
Wenn über Radio geredet wird, dann doch fast immer über Dinge, die in der Morgenshow passieren, oder? Denn eines hat sich noch nicht geändert: Die Hörgewohnheiten und Bedürfnisse erwachsener Hörer sind am Morgen sind eben anders als am Tag – z.B. während der Arbeit. Und so gibt es in Deutschland immer noch eine zweistellige Anzahl an Morgenshow-Stars, die eine Bedeutung für ihre Hörer, eine Bindung zu ihnen aufgebaut haben und ein Einschaltgrund sind. Dagegen gibt es nur ganz wenige Tagesmoderatoren, die das auch schaffen. Allein der in Marktforschungen gemessene Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad von Moderatoren beweisen das.
In Marktforschungen im Süden Deutschlands konnte man vor 2 Jahren nach dem Wegfall eines der großen „Lagerfeuer“ sehen, dass Hörer auf der Suche nach einem neuen „Lagerfeuer“ waren. In anderen Regionen haben Sender nach dem Weggang ihrer großen Morgenshow-Stars reichlich Marktanteile verloren, die kurzfristig auch nicht mehr zurückzuerobern waren. Ein bekanntes Beispiel sind „Böttcher und Fischer“, deren Show vor 9 Jahren auseinanderbrach und die zusammen mit der Musik der Haupteinschaltgrund für R.SA waren. All das zeigt, wie wichtig eine funktionierende Morgenshow ist und wie gefährlich es werden kann, wenn das Lagerfeuer am Morgen keine Bedeutung mehr hat.
Für Hörer 30+ bleibt der Morgen der wichtigste Einschaltpunkt und da die Masse der Hörstunden auf die Zielgruppe 30+ entfällt, ist es von großem wirtschaftlichen Interesse, die Morgenshow als das zu sehen, was sie ist: eine Investition, die Rendite bringen kann. Das gilt zumindest für alle AC- und Hot-AC-Sender. Im CHR- und Rhythmic-CHR-Bereich für die ganz junge Zielgruppe sieht das etwas anders aus… aber das ist ein Thema für eine andere Kolumne.
Der Sommer ist eine gute Gelegenheit für eine Optimierung des „Lagerfeuers Morningshow“, z.B. um redaktionelle Power aus Tagesteilen abzuziehen, in denen Radio sowieso nur nebenbei genutzt wird und diese Kraft in den Morgen zu stecken.
In diesem Sinne: Keep The Fire Burning.
Deine Yvonne
P.S.: das alles bedeutet nicht, dass es genügt, am Tag „Dienst nach Vorschrift“ zu machen. Gute Tagesmoderatoren sind Persönlichkeiten, die allein mit ihrer Stimme und Dynamik, ihrer Haltung zu ihren Hörern, dem Spaß an der Musik und Kreativität eine Bindung herstellen. Nur werden sie in der Zielgruppe 30+ eben nur in Ausnahmefällen dieselben Quoten und Bewertungen erreichen wie die Stars des Morgens.

Yvonne Malak
Erfolgreich Radio machen
296 Seiten
ISBN 3744521044
39,00 € Herbert von Halem Verlag
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Yvonne Malak ist Radioberaterin und berät eine Vielzahl von Radiostationen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Yvonne Malak schreibt monatlich für die radioWOCHE. Die nächste Ausgabe erscheint am 01. August 2026.
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