Yvonne Malak: Die schlimmsten 90er-Jahre- Überbleibsel

Die 90er haben angerufen! Sie wollen ihre SFXe zurück…

Als wir in den 80er/90er Jahren angefangen haben, Privatradio zu machen und die Öffis das Fürchten zu lehren, haben wir all das gemacht, was dort verpönt war: z.B. Soundeffekte einsetzen oder alles, wirklich alles, mit Musikbetten zu unterlegen. Diese und andere Überbleibsel aus den 90er-Jahren haben sich leider bis heute hartnäckig im deutschsprachigen Raum gehalten.

Dazu kommt, dass vor allem in D-A-CH die meisten privaten Radiosender aus Zeitungsverlagen bzw. Zeitungsbeteiligungen entstanden sind.

Und so gab es in den ersten kommerziellen Stationen in Deutschland eine klassische Zeitungsstruktur mit Chefredakteur, CvD, Reportern etc.

Dass das nicht mehr zeitgemäß ist und ein schädliches Überbleibsel aus den 90ern (schädlich deshalb, weil die Tageszeitung zum Hören im Jahr 2026 ein völlig überholtes Konstrukt ohne Aussicht auf Erfolg ist), hat sich leider noch nicht überall herumgesprochen…

Und so sind die klassischen „Drückstücke“, die aus diesen Strukturen entstanden sind, eines der schlimmsten Überbleibsel aus den 90ern. Man geht zu einer Pressekonferenz, spricht mit einem Protagonisten und verbindet die Aussagen mit einem Text – genau wie in der Zeitung…

Schema on Air: Anmoderation, O-Ton, Zwischenmoderation, O-Ton, Zwischenmoderation, O-Ton, Abmoderation, Musik.

Noch schädlicher ist dieses Überbleibsel, wenn die O-Töne von einem Zulieferdienst kommen, der Radiosender von Hot AC bis Oldies von Rosenheim bis Flensburg beliefert. Weil diese Töne überall stattfinden könnten und in der Regel selten genauso stark sind wie der neue Song von Taylor Swift, der gerade beim Wettbewerb nebenan gespielt wird, können diese „Drückstücke“ nichts Positives bewegen – sie zahlen weder auf ein wichtiges Senderimage ein, noch auf ein wichtiges Image für die jeweilige Show oder für den jeweiligen Moderator.

Zu diesen 90er-Jahre Überbleibseln gehören auch die klassischen Kinobeiträge, wie sie heute unverständlicherweise immer noch angeboten werden…

Und es soll sogar Sender geben, die diese jeden Donnerstag ausstrahlen – und das vor dem Hintergrund, dass jeder Deutsche im Schnitt gerade mal 1,13-mal im Jahr im Kino geht.

Zurück zu den SFXen. Ich habe nichts gegen Soundeffekte, wenn sie aber eingesetzt werden wie in den 90er-Jahren, klingt das extrem altbacken. Also: Moderation übers Autofahren – SFX Straßengeräusche – weiter im Text.

Wer Radiosendungen von Stars großer Entertainmentnationen verfolgt – damit meine ich vor allen den angloamerikanischen Raum – wird dort kaum eine von Soundeffekten untermalte Moderation hören…

Apropos „untermalt“: ein weiteres schlimmes Überbleibsel ist das „Malen von Bildern“. Das hat irgendjemand in den 90ern erfunden, es hat sich weiterverbreitet und ist leider noch nicht ganz ausgerottet. Ja, Radio ist Kino im Kopf. Aber das Kino entsteht ganz von selbst, wenn jemand eine Geschichte gut erzählt. Kürzlich beschrieb ein Moderator in einem Aircheck eine Situation am Büffet eines All Inclusive Hotels, indem er von warmen Gerichten, Vorspeisen und meterlangen Dessertbüffets erzählte. Als ich ihn fragte, was er da mache, sagte er: „Ich male ein Bild“. Ich würde sagen: er drängt mir sein Bild auf. Lass doch jeden sein eigenes Bild im Kopf malen und führe ihn nur kurz auf die „Fährte“, auf der du den Hörer für die Geschichte brauchst.

Eine weitere 90er-Legende, die nicht auszurotten ist, ist der „3EB“.

Quellen wie Wiki beschreiben ihn so:
Es ist eine kurze Zwischenmoderation, die aus mindestens drei Elementen besteht und typischerweise den Übergang von einem Musiktitel zu einem Wortbeitrag (oder umgekehrt) erleichtert. Eine Moderation besteht dabei aus mindestens drei Elementen und soll den Fluss der Sendung fördern. Wikipedia

Klassisches Beispiel, wie es nach einem Song klingen könnte: „15:23 Uhr (Uhrzeit), Sie hören Radio Wunderbar (Sendername/ID), ‚Der beste Radiosender im ganzen Land‘ (Claim).“ Schreiben als Beruf

Typische Bausteine, die kombiniert werden: Sendername, Uhrzeit, Name des Moderators, Radiofrequenz etc. Ziel ist es, die Hörer:innen akustisch darauf einzustimmen, dass jetzt gesprochen wird – daher enthält der 3EB typischerweise drei kleine Elemente, die keine inhaltlich relevanten Fakten transportieren. Koelncampus

An diesen Beschreibungen sieht man schon, dass es sich dabei nur um eine Krücke für unkreative Moderatoren handeln kann…

Was will man auch mit einem Break folgenden Inhalts erreichen: „Hier ist XY, ich bin Yvonne und hier ist der neue Hit von Taylor Swift“? Oder „Hier ist Radio Z, ich bin Mareike und ihr hört die Sendung ‚Mittagszeit‘“.. ?

Ich bin aber dankbar dafür, wenn mir jemand Sinn und Zweck des 3EB für einen modernen Radiosender 2026 erklären kann… die Erklärung „Verlegenheitslösung für Einstiege“ wird nicht akzeptiert.

So, jetzt habe ich mich richtig in Rage geschrieben… und wenn ich im Radio noch einmal die Titelmelodien von „Miss Marple“ (als Einleitung für einen Kriminalfall) und „Sex and the City“ (als Einleitung für ein Frauenklischee-Thema) oder das Intro von „Je t’aime“ (als Einleitung für ein Liebes- bzw. Sex-Thema) höre, kriege ich einen Schreikrampf. Das war vielleicht Ende der 90er/ Anfang der 2000er als Ausnahme mal witzig, ist heute aber sowas von old school…

Das Ganze ist sogar steigerungsfähig – mit Schmalz–Musik–Betten unter emotionalen Themen – damit tötest du garantiert jede echte Emotion – ein solcher Break wirkt „gewollt“ und absolut unnatürlich. Bitte unbedingt weglassen…

Auch dieses „krampfhaft auf die Tränendrüse drücken“ ist furchtbar – auch das wirkt gewollt und unnatürlich. Erzähl mir die traurige Geschichte mit deiner echten Emotion und du wirst wirklich etwas damit erreichen.

Und damit komme ich zum letzten schlimmen Überbleibsel der 90er: dem Experten.

Es scheint immer noch ein Reflex in Radioredaktionen zu sein, bei Themen zu rufen „Da brauchen wir einen Experten-O-Ton“.

Nein, brauchen wir nicht und im Jahr 2026 schon gar nicht mehr. Ausnahme sind cool und zeitgemäß klingende Experten, die gut erzählen und sich kurzfassen können. Nur meist widerspricht der Begriff „Experte“ schon den eben angeführten Fähigkeiten…

Stattdessen: Influencer! Der Influencer von heute ist der Experte von gestern. Influencer können in der Regel gut erzählen, wissen was Medien brauchen und haben gelernt, sich kurz zu fassen. Mit gegenseitiger Promotion auf den jeweiligen Kanälen wird daraus außerdem eine Win-Win-Situation.

Also, wenn die 90er demnächst bei dir anrufen, gib ihnen ihre Relikte zurück: SFXe, Musikbetten, Drückstücke, Tränendrüsen-Moderationen, übertriebene „Bilder“ und last but not least den 3EB. In diesem Sinne:

Ich bin Yvonne, du bist bei radioWOCHE.de und diese Kolumne heißt „Die schlimmsten Überbleibsel aus den 90ern“ 😉

Yvonne Malak
Erfolgreich Radio machen
296 Seiten
ISBN 3744521044
39,00 € Herbert von Halem Verlag
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Yvonne Malak ist Radioberaterin und berät eine Vielzahl von Radiostationen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Yvonne Malak schreibt monatlich für die radioWOCHE. Die nächste Ausgabe erscheint am 01. Oktober 2026.

Alle bisher veröffentlichten Publikationen von Yvonne Malak finden Sie auch unter:
www.my-radio.biz/category/publikationen/radiowoche/

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