
Hinter den Kulissen des Westdeutschen Rundfunks zeichnet sich ein tiefgreifender Umbau der Radiolandschaft ab, der in der Branche für erhebliche Unruhe sorgt. Am heutigen 3. Juni entscheidet der WDR-Rundfunkrat über die Zukunft des interkulturellen Programms COSMO. Nach vorliegenden Plänen soll die Welle ab dem 1. April 2027 in ihrer jetzigen Form der Vergangenheit angehören.
Geplant ist offenbar, das bisherige altersübergreifende und mehrsprachige Format in einen neuen Mainstream-Hip-Hop-Untersender von 1LIVE umzuwandeln, der sich gezielt an ein junges, migrantisches Publikum unter 30 Jahren richtet. Während die Senderverantwortlichen von einer notwendigen Weiterentwicklung sprechen, regt sich intern und extern massiver Widerstand. Kritiker und Kulturschaffende sprechen von einer Mogelpackung, die den gesetzlichen Auftrag des Senders verfehle. Das WDR-Gesetz schreibt COSMO explizit vor, interkulturelle Themen für alle Altersgruppen abzubilden, was mit einer Verengung auf das junge Hip-Hop-Segment kaum vereinbar sei.
Kahlschlag bei den muttersprachlichen Angeboten
Besonders die geplante Streichung fast aller muttersprachlichen Sendungen sorgt für Kritik. Mit Ausnahme eines noch unkonkreten digitalen Angebots auf Türkisch sollen die Redaktionen für Italienisch, Serbisch, Kroatisch, Bosnisch und Kurdisch wegfallen. Auch die in Kooperation mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg produzierten Formate auf Polnisch, Russisch, Spanisch, Griechisch und Arabisch stehen vor dem Aus.
Damit würden die einzigen ARD-weiten Radioangebote verschwinden, die Menschen mit Einwanderungsgeschichte eine Heimat in ihrer Herkunftssprache bieten. Viele dieser Programme blicken auf eine über 65-jährige Geschichte zurück und wurden einst gezielt für die damaligen Gastarbeiter-Communitys aufgebaut.
Breiter Protest aus Politik und Kultur
Gegen die Pläne des WDR hat sich eine breite Allianz formiert. Eine Online-Petition für den Erhalt von COSMO verzeichnet bereits mehr als 75.000 Unterschriften. Auch prominente Stimmen aus Politik und Kultur fordern den Rundfunkrat zum Einlenken auf.
Musiker Herbert Grönemeyer warnt vor einem fatalen Signal in Zeiten eines erstartenden Nationalismus. Gerade jetzt brauche es ein Programm, das den Horizont klug erweitere, statt es abzudrehen. Auch der Musiker Trettmann äußert sich besorgt über den geplanten Fokus auf Mainstream-Hip-Hop. Obwohl er selbst in diesem Genre verwurzelt sei, schätze er an COSMO gerade die Vielfalt aus verschiedenen musikalischen und journalistischen Welten, die es so nirgendwo anders gebe.
Aus der Politik kommt ebenfalls deutlicher Widerspruch zu den Spar- und Umbauplänen. Die CDU-Bundestagsabgeordnete Serap Güler betont, dass Mehrsprachigkeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gestärkt und nicht abgebaut werden sollten. Die Grünen-Politikerin Claudia Roth kritisiert, dass bei Einsparungen im öffentlich-rechtlichen System oft zuerst jene Gruppen betroffen sind, die ohnehin unterrepräsentiert sind. Die Auflösung der Redaktionen beträfe immerhin fast 30 Prozent der Menschen in Deutschland.
Für die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Düzen Tekkal ist die geplante Einstellung ein Super-GAU. Muttersprachliche Angebote seien für viele Menschen Balsam für die Seele und böten eine Identifikationsfläche, die einsprachige Medien nicht ersetzen können. Ob der Rundfunkrat den Argumenten der Kritiker folgt oder den Weg für die Neuausrichtung freimacht, wird sich im Laufe des Tages zeigen.