
Der WDR-Rundfunkrat hat den Weg für die umstrittene strategische Neuaufstellung der jungen Radiowellen des Westdeutschen Rundfunks freigemacht. Mit einer knappen Mehrheit stimmte das Gremium den vorgelegten Programmschemaänderungen zu. Damit können die geplanten Veränderungen zum 1. April 2027 wie vom Sender beabsichtigt umgesetzt werden. Die Entscheidung markiert einen tiefgreifenden Einschnitt für die Programme COSMO und 1LIVE DIGGI, die im Zuge der Reform nicht nur neue inhaltliche Profile, sondern auch neue Namen erhalten und unter dem gemeinsamen Markendach von 1LIVE gebündelt werden.
Die Verantwortlichen in Köln begründen den Schritt mit den sich stetig verändernden Nutzungsgewohnheiten und Bedürfnissen des jüngeren Publikums. Das digitale Zusatzprogramm 1LIVE DIGGI wird im Zuge dessen zu 1LIVE LOUNGE umgewandelt. Das Konzept sieht eine unaufgeregte, stressfreie Alltagsbegleitung vor, die als linearer Gegenpol zu einer digital überreizten Medienwelt fungieren soll. Mit entspannter Musik und einer bewussten Reduzierung der ständigen Berichterstattung über weltweite Krisen soll ein in der deutschen Radiolandschaft bislang einmaliges Angebot für junge Erwachsene entstehen, die mental abschalten möchten.
Die weitaus größeren Diskussionen im Vorfeld und während der entscheidenden Sitzung betrafen jedoch die Weiterentwicklung von COSMO zu 1LIVE STREET. Die Welle soll künftig die weltweite Hip-Hop-Kultur in den Mittelpunkt stellen und damit gezielt eine urbane, kulturell diverse Zielgruppe im Alter zwischen 20 und 29 Jahren ansprechen. Da in Nordrhein-Westfalen über 40 Prozent der Menschen unter 30 Jahren eine internationale Biografie besitzen, soll das Programm durch diese musikalische und inhaltliche Neuausrichtung die Lebensrealität dieser Generation zeitgemäßer abbilden als das bisherige Weltmusik-Format.
Innerhalb der Belegschaft, unter Medienpolitikern und in der Hörerschaft wurden die Pläne für COSMO bis zuletzt kontrovers debattiert. Kritiker äußerten wiederholt die Sorge, ob der WDR mit dem neuen, stark auf Hip-Hop verengten Konzept seinem gesetzlichen Auftrag zur Förderung des interkulturellen Zusammenlebens weiterhin vollumfänglich nachkommen kann. Die Debatte im Rundfunkrat war dementsprechend von kritischen Nachfragen geprägt. Im Fokus standen dabei die Zukunft der fremdsprachigen Sendungen, der Verbleib des Global-Pop-Repertoires im gesamten WDR-Audioangebot sowie die Frage, wie der öffentlich-rechtliche Sender Menschen mit internationaler Geschichte im Alter von über 30 Jahren erreichen will, wenn das Profil so stark verjüngt wird.
Trotz dieser Bedenken passierte die Vorlage das Aufsichtsgremium. Um die Gemüter und die verbliebenen Skeptiker im Rundfunkrat zu beruhigen, hat das WDR-Management zugesichert, bezüglich der noch offenen und kritisierten Punkte zeitnah im engen Austausch mit den Gremienmitgliedern zu bleiben. Das Ziel bleibt, die interkulturelle Expertise der Redaktionen durch die Zusammenlegung von COSMO-Sprachenangeboten und der Redaktion WDRforyou effektiver im Gesamthaus zu verankern, während die Kernmarke 1LIVE als gemeinsamer Reichweitenhebel für alle drei jungen Angebote fungiert.