
Im Sommer bzw. Ende 2026 geht eine Ära zu Ende. Arno Müller gibt „Arno und die Morgencrew“ ab und beendet seine Karriere als Programmdirektor von 104.6 RTL. In den 90ern war er DER wegweisende Programmdirektor im deutschsprachigen Raum. Kein Sender und keine Morgenshow wurden in den 90ern und 2000ern so oft kopiert wie 104.6 RTL bzw. „Arno und die Morgencrew“. Wenn er in diesem Jahr das Zepter übergibt, stand er 35 Jahre (!) an der Spitze des Senders und an der „Morgenshow-Front“: 35 Jahre Morgenshow – da kann man nur sagen: „Respekt, Alter“.
Auch ich gehöre zu den Menschen, die ihm und dem Sender viel zu verdanken haben. Vor, mit und in den Jahren nach dem Start von 104.6 RTL am 9.9.1991 in Berlin hatten alle daran Beteiligten eine extrem steile Lernkurve – die wichtigsten dauerhaft geltenden Learnings möchte ich hier mit dir teilen.
1) 📻🤝 Höre auf deine Hörer
Nichts ist auch 40 Jahre nach Start des deutschen Privatrundfunks so schädlich wie Programm-Macher, die auf „ihr Gefühl“ hören oder noch schlimmer auf den Ehepartner oder die eigene Blase. Glaub mir: deine Hörer sehen viele Dinge anders als du, dein Freund oder dein Prosecco-Damen-Kränzchen. In Berlin haben das einige Programm-Macher auf die harte Tour lernen müssen… long story short: 104.6 RTL wurde innerhalb kürzester Zeit Marktführer und der alte Platzhirsch 100,6 (damals ca. 300.000 Hörer/Stunde) war eine Dekade später Geschichte. Mausetot.
Wenn du also als Programmverantwortlicher Comedy XY nicht magst oder dein Gefühl sagt, dass du mehr neue Songs spielen müsstest… hör nicht auf deinen persönlichen Geschmack und deine Gefühle. Hör auf deine Marktforschung und auf das, was deine Hörer sagen.
Natürlich braucht man im Finetuning eines Radioprogramms auch ein Gefühl für sein Produkt und dafür, was zum Produkt passt bzw. eben nicht mit dem Produkt matcht – aber das entscheidende Wort müssen diejenigen haben, die das Produkt nutzen sollen…
2) 🌟🚀 Denke groß
Das Programm von 104.6 RTL wurde von einer Gruppe Verrückter rund um Arno aus Luxemburg heraus geplant, aufgebaut und gestartet. Wir waren eine kleine Clique, die in der luxemburgischen Fremde auch privat viel zusammen unternahm. Insofern waren viele von uns von Anfang an mit Arnos Plänen und Gedanken vertraut. Und eines weiß ich noch ganz genau: wie groß er dachte.
Sein Vorbild für den neuen Sender war DER große Unterhaltungs-Hit-Personality-Sender schlechthin: KIIS FM in Los Angeles.
Arno hatte den Sender Ende der 80er besucht und SO sollte 104.6 RTL klingen. Ein Sender, dessen Musik auf den Hörer-Geschmack ausgerichtet war, dessen Aushängschild eine große, unterhaltsame Morgenshow mit einem Star-Moderator war (Rick Dees) und bei dem es nicht einen einzigen „Beitrag“ on Air gab…
3) 🎓📈 Lerne von den Besten
KIIS FM war also der „Referenzsender“ und „Rick Dees in the Morning“ die Referenz-Morgenshow. SO wollte Arno seine Morgenshow: ein Team mit Co-Moderatoren, verrückten Aktionen draußen, einem Helikopter in der Luft, Gewinnspielen und jeder Menge Spaß. Junge Kollegen heute mögen denken: ja und?
In den 90ern gab es das nicht im deutschsprachigen Raum. „Spaß? Oh, mein Gott! Wir müssen unsere Hörer doch informieren und überhaupt wissen wir als Redakteure doch genau, was die Hörer wissen wollen“ – das war damals die Denke in den (privaten) Radiostationen in Deutschland (und so sind einige dieser Sender bis heute eine akustische Version der lokalen Tageszeitung… einer aussterbenden Gattung…).
„Arno und die Morgencrew“ war die erste deutschsprachige Version der großen amerikanischen Morgenshows.
Und nach und nach machten es alle nach…
Die USA waren der Markt, von dem wir damals lernen wollten: wir flogen dorthin (ich erinnere mich noch, dass das wichtigste Reise-Utensil ein Walkman mit Radio-Funktion war, um schon beim Landeanflug hören zu können, was die amerikanischen Kollegen so machen) und sogen alles auf, was man mitnehmen konnte. Und um auch zuhause von den Besten zu lernen, kaufte der Sender Aircheck-Videos von amerikanischen DJs… VHS-Videos und Kassetten aus den USA waren das „Tutorial“ der RTL-Moderatoren.
Übrigens: Die Firma CaliforniaAircheck.com, von der wir die Videos damals kauften, gibt es heute noch!
Wann immer ich Nachwuchs-Talente coachen oder einen Sender-Relaunch betreuen darf, empfehle ich genau das: such dir akustische Vorbilder, hör dir die Besten (in deinem Format) an, lass dich von ausländischen Sendern inspirieren.
4) 🎛️🏠 Stationality
Mit dieser klaren akustischen Ausrichtung auf ein Hit- und Entertainment-Format mit einer Gute-Laune-Morgenshow war für 104.6 RTL auch die „Stationality“ klar.
Bis heute ist 104.6 RTL einer der wenigen Sender in Deutschland, die man sofort an den „Stationality“ erkennen kann: an den Produktionen, dem „Fahren“ und der Art der Moderation. Das muss man so nicht mögen, wie RTL es umsetzt. Aber was man goutieren muss, ist dass der Sender bis heute 24/7 wiedererkennbar ist. So wie Coca-Cola aus jedem Automaten der Welt zu jeder Uhrzeit immer gleich schmeckt, so klingt 104.6 RTL bei jedem Moderator zu jeder Tageszeit nach 104.6 RTL.
5) 🔥☕ Alle Kraft in die Morgenshow.
Am Morgen haben die Menschen andere Hörgewohnheiten, am Morgen treffen wir unsere Hörer in einer anderen Situation als während des Tages. Intimer, persönlicher: Beim Aufstehen, im Bad, verschlafen an der Kaffeemaschine. Morgens um 6 Uhr gibt es (wohlgemerkt für die Zielgruppe von Sendern wie RTL) andere Bedürfnisse als am frühen Nachmittag um 14 Uhr.
6 Uhr: bring mich gut gelaunt in den Tag, mach mich wach, sei mein guter Freund zum Tagesstart, unterhalte meine Familie am Frühstückstisch, sag mir kurz, was ich heute wissen muss.
14 Uhr: geh mir nicht auf die Nerven, spiel meine Lieblingsmusik und begleite mich nebenbei bei der Arbeit.
Genauso war das Programm von 104.6 RTL von Anfang an strukturiert und hat den Sender binnen kürzester Zeit zum Shootingstar im Berliner Markt gemacht. Und – siehe Punkt 1 – die, die es maßgeblich anders gemacht haben, waren ein paar Jahre später mausetot.
6) ⚔️🗡️ Wer angreifen will, braucht spitze Waffen.
Eines der ersten Seminare, dass ich zum Start von 104.6 RTL besuchen durfte, hieß „War College“ und das war eines der Learnings. Gilt für das Musik-Format und die gesamte inhaltliche Ausrichtung. Ich höre schon den Widerspruch: „Ja, aber Sender XY ist auch ganz breit und hat viele Hörer…“. Sender XY hat aber vielleicht auch keinen nennenswerten Wettbewerb im Sendegebiet oder der Wettbewerb ist schwach oder Sender XY profitiert immer noch von der Position des Ersten oder Sender XY wäre mit einer spitzen Waffe noch erfolgreicher…
Es bleibt dabei: wer angreifen will, braucht spitze Waffen. Und damit sind wir beim nächsten Punkt.
7) 🧬🔗 Klare Marken DNA
Vermutlich kannst du jeden Mitarbeiter von Arno und die Morgencrew nachts um 3 Uhr anrufen und fragen, was die DNA der Show ist, und er wird es dir sagen können: die größten Hits, die besten Comedys, die coolsten Gewinnspiele. Wie ist das bei „deiner“ Morgenshow? Was ist deren Marken-DNA? Was sind die drei USPs deines Senders? Die lustigste Morgensendung, die größten Hits, die besten Gewinnspiele? Egal, was es ist: Hauptsache, es gibt eine klare DNA und diese wird 24/7 umgesetzt – siehe Punkt 4 „Stationality“.
8) ⏳✅ Konsequent bleiben
Viele Programm-Macher lassen sich zu sehr verunsichern – z.B. von Trackings, die heute sagen, der Sender hat ein Problem bei Männern („wir müssen ein Gewinnspiel mit attraktiven Preisen für Männer machen“), morgen feststellen, dass die Beliebtheit der Morgen-Show-Anchor-Woman nachgelassen hat („wir sollten eine Aktion mit viel Herz für sie machen“) und übermorgen ein Problem mit dem Hitappeal feststellt („wir müssen mehr neue Musik spielen“). Dieses ständige Herumgeeiere hat schon so manchen Sender in die Bedeutungslosigkeit versenkt. Wenn du dich aus gutem Grund für eine Ausrichtung entschieden hast: bleib dabei! Wenn es dann nach einem angemessenen Zeitraum einen sehr guten Grund für eine Anpassung gibt, muss man das natürlich machen. Aber ständig an unterschiedlichen Stellschrauben zu drehen, schadet mehr als es nützt.
Diese 8 Punkte und noch viel, viel mehr habe ich von Arno und 104.6 RTL mitgenommen. Und auch wenn einige vielleicht sagen: „Nach 35 Jahren kann man auch mal aufhören“, bleibt es dabei: im deutschen Radio geht eine Ära zu Ende.
Danke dir, Arno: für deine Leidenschaft für gutes Radio, deinen Pioniergeist und deine Unbeirrbarkeit.
Chapeau.
Deine
Yvonne

Yvonne Malak
Erfolgreich Radio machen
296 Seiten
ISBN 3744521044
39,00 € Herbert von Halem Verlag
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Yvonne Malak ist Radioberaterin und berät eine Vielzahl von Radiostationen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Yvonne Malak schreibt monatlich für die radioWOCHE. Die nächste Ausgabe erscheint am 01. März 2026.
Alle bisher veröffentlichten Publikationen von Yvonne Malak finden Sie auch unter:
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