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DJV: WDR-Stichtag vor dem Aus

„Es darf nicht sein, dass eines der traditionsreichsten und erfolgreichsten Radioformate des Westdeutschen Rundfunks wegen eines Sparvolumens von weniger als 60.000 Euro vom Sender genommen wird. Und das bei einem Jahresetat des WDR von mehr als einer Milliarde Euro“, kritisiert Frank Stach, Landesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands NRW (DJV-NRW) die Pläne, den WDR2-Stichtag abzuschaffen.

Der tägliche „Stichtag“ gehört nicht nur zu den renommiertesten, sondern auch erfolgreichsten Sendungen im Programm von WDR 2. Mit fast einer Viertelmillion Downloads im Monat ist der Podcast zu (zeit-)geschichtlichen Ereignissen auch online eines der erfolgreichsten Formate und erreicht so vor allem auch eine junge Zielgruppe. Mit seinen Beiträgen zu Nationalsozialismus und Rechtsextremismus ist der „Stichtag“ gleich dreimal unter den Top 5 der Downloads in 2020 vertreten. „Jung, erfrischend – und vor allem informativ: Genau solche Angebote sind der Kern des öffentlich-rechtlichen Auftrages. Gerade in Zeiten wie diesen braucht unsere Demokratie Beiträge wider eine wachsende Geschichtsvergessenheit“, erklärt Stach weiter.

Und nun droht das Erfolgsformat zum Bauernopfer in einem Konflikt zwischen NDR und WDR rund um die Finanzierung gemeinsamer Angebote zu werden. Was ist passiert?

Von jeher bestreiten der Norddeutsche und der Westdeutsche Rundfunk Teile ihres Hörfunkprogramms gemeinsam. Ein Beispiel ist das 15-minütige Feature „Zeitzeichen“. Das Geld für das Format stammt nach ersten Honorarkürzungen seit 2003 nur noch teilweise vom WDR. Den fehlenden Rest ergänzen allerdings nur zum Teil NDR und Saarländischer Rundfunk, die für die Übernahme des Formats zahlen.  Genau aus dieser Kooperation will der NDR nun aussteigen. Doch dann fehlt Geld für das „Zeitzeichen“. Um das zu kompensieren, haben die WDR-Verantwortlichen zwei Ideen: Zum einen soll das Zeitzeichen eine zusätzliche Wiederholung auf WDR 5 bekommen. Dafür gäbe es 20 Prozent zusätzliches Honorar für die Autor*innen.  „Schon allein das ist eigentlich eine Frechheit – und ein Tarifbruch obendrauf“,  sagt Frank Stach. Normalerweise würden für diese Wiederholung laut geltendem Tarifvertrag 50 Prozent Honorar fällig. Geld, das der WDR nicht ausgeben will. Lediglich 50.000 Euro will der Sender nach jetzigem Stand dafür zusagen.

WDR2-Stichtag als Geld-Quelle

Als zweite Geld-Quelle kommt nun der „Stichtag“ ins Spiel: Dieses Aushängeschild – immerhin 365 mal vier Minuten pro Jahr – kostet nach DJV-Informationen den WDR gerade einmal 158.000 Euro und soll nun zugunsten des „Zeitzeichens“ gestrichen werden. Ersetzen will der WDR das Erfolgsformat  „Stichtag“ durch „As time goes by“ von Radio Bremen als Gemeinschaftsangebot der ARD ohne jeden regionalen Bezug. Kosten: 50.000 Euro pro Jahr.

„Das ist der Anfang vom Ende eines solchen gesellschaftlich wichtigen Angebotes auf WDR 2“, prognostiziert Frank Stach: Die angebotene Sendung von Radio Bremen passt nicht zur modernen Anmutung von WDR 2 und muss hier scheitern. Nicht umsonst haben Sender wie BR, NDR, SR und SWR sofort mitgeteilt, dass sie sich nicht beteiligen werden – einige mit der Begründung, ein eigenes zeitgeschichtliches Format zu haben und ihre eigenen Mitarbeiter*innen schützen zu wollen. Das stünde auch dem WDR gut zu Gesicht“, fordert der Landesvorsitzende die zuständigen Gremien des WDR auf, dem Vorhaben einen Riegel vorzuschieben. „Am Ende geht es um eine Einsparung von 58.000 Euro bei einem Milliardenetat. Dafür darf man den Stichtag nicht sterben lassen.“

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