Gedränge im Funk-Bett: Wie „Radio 4“ das private Radio-Zeitalter einläutete

Am 30. April 1986 um 18.30 Uhr begann in Rheinland-Pfalz eine neue Zeitrechnung für den Rundfunk: Mit dem Sendestart von „Radio 4“ ging der erste private UKW-Sender der Bundesrepublik mit einem 24-Stunden-Programm in den Äther. Was als mutiges Medieneperiment startete, entwickelte sich zu einer komplexen Geschichte aus Kooperation, Konkurrenz und politischem Kalkül.


Das „Bett“ der Rundfunkfreiheit

Der Start von Radio 4 war geprägt von einer ungewöhnlichen rechtlichen Konstruktion. Um Meinungsvielfalt zu garantieren, legte das Landesgesetz fest, dass keine Einzelbewerber, sondern nur Veranstaltergemeinschaften Lizenzen erhalten konnten.

Professor Reinhart Ricker, Mitglied der wissenschaftlichen Begleitkommission, prägte hierfür die berühmte „Bett-Metapher“: Er verglich die gemeinsame Frequenz mit einem Bett, in dem viele Anbieter gleichzeitig Platz finden mussten. Sein Fazit zum Sendestart:

„Der eine oder andere liegt vielleicht nicht ganz bequem, aber liegen ist besser als nicht liegen“.

Die vier Säulen von Radio 4

Ursprünglich suchten über 160 Interessenten in sechs Gruppen nach einem Sendeplatz. Bis zum Start im Frühjahr 1986 fusionierten diese zu vier Anbietergemeinschaften, die sich gezwungenermaßen auf den Namen „Radio 4“ einigten:

AnbieterHintergrundAnteil Sendezeit
RPR
Rheinland-Pfälzische Rundfunkbetriebsgesellschaft; ca. 80 Mitglieder (Zeitungsverleger, Wirtschaft) 71,855 %
PRO
Private Rundfunkorganisation; Fusion aus VPR und RRA (nahe FDP/CDU) 15,155 %
LR
Linksrheinischer Rundfunk; alternative Gruppen, Bürgerinitiativen 6,625 %
Radio 85Zusammenschluss der Großverlage (Bauer, Burda, Springer, Holtzbrinck) 6,365 %

Ein Programm voller Kontraste

Da es kaum Absprachen zwischen den Anbietern gab, war das Programm von Radio 4 ein bunter, oft widersprüchlicher Teppich.

  • Musikalische Redundanz: Da die Musikredaktionen nicht kooperierten, konnte es passieren, dass derselbe Titel innerhalb weniger Stunden mehrfach von verschiedenen Anbietern gespielt wurde.
  • Der alternative „Störfaktor“: Während RPR und Radio 85 auf Pop und Schlager setzten, scherte der Linksrheinische Rundfunk (LR) bewusst aus. Ihre ersten Sendeminuten am 1. Mai 1986 begannen provokant mit dem Gesang der „Arbeitereinheitsfront“.
  • Identitätskonflikte: Die Hörer hatten Schwierigkeiten, die Marke „Radio 4“ einzuordnen. Die RPR versuchte oft, sich als Hauptsender zu positionieren und den Namen „Radio 4“ in der Kommunikation zu verdrängen, was zu internen Streitigkeiten mit Partnern wie der PRO führte.

Die erste Krise und die Konsolidierung

Das Modell der geteilten Frequenz erwies sich schnell als wirtschaftlich schwierig.

  1. Rückzug von Radio 85: Bereits nach wenigen Wochen stellte Radio 85 den Betrieb ein, da die geringe Sendezeit keine wirtschaftliche Rentabilität zuließ. Die RPR übernahm diese Stunden.
  2. Werbe-Chaos: Für Kunden war Radio 4 unattraktiv, da es keine zentrale Buchung gab; man musste sich durch die unterschiedlichen Tariflisten der einzelnen Anbieter kämpfen.
  3. Technische Hürden: Zunächst war der Sender nur im Raum Ludwigshafen/Mannheim auf 103,6 MHz zu hören. Erst im Laufe des Jahres 1986 kamen weitere Senderstandorte wie Mainz, Trier und Koblenz hinzu.

Das Ende des Experiments

Die Übergangslösung mit vier Anbietern war von vornherein befristet. Die Lizenzen liefen bis zum 31. Mai 1990. In den Jahren zuvor kam es zu juristischen Auseinandersetzungen, da die kleineren Anbieter wie die PRO und der LR um ihren Platz im „Bett“ kämpften.

Letztlich setzte sich die wirtschaftliche und organisatorische Stärke der RPR durch: Im Juni 1989 entschied die Landeszentrale für private Rundfunkveranstalter (LPR), die Lizenz für die alleinige Nutzung der Senderkette ab Juni 1990 für 10 Jahre an die RPR zu vergeben. Damit endete das Kapitel „Radio 4“ und der Weg für einen einheitlichen landesweiten Privatsender war frei.

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