Zeitenwende bei My105: Giuseppe Scaglione übergibt sein Lebenswerk

In der Schweizer Radiolandschaft geht eine Ära zu Ende. Giuseppe Scaglione, der Gründer und langjährige Kopf hinter My105, verkauft seinen Sender und wandert gemeinsam mit seiner Frau nach Italien aus. Damit zieht sich einer der profiliertesten und hartnäckigsten Radiomacher des Landes aus dem aktiven Geschäft zurück. Nach fast drei Jahrzehnten, die von Pioniergeist, politischen Grabenkämpfen um UKW-Frequenzen und einem schmerzhaften Konkurs geprägt waren, sieht Scaglione den richtigen Zeitpunkt für einen Neuanfang am Meer gekommen.

Der Käufer ist in der Branche kein Unbekannter. Jan Müller übernimmt das Ruder, ein ehemaliger Weggefährte, der bereits als Programmchef und Moderator für den Sender tätig war. Für Scaglione ist diese Nachfolgeregelung ein Glücksfall, da Müller nicht nur die DNA des Senders in sich trage, sondern als Inhaber des Tech-Unternehmens Audiospace auch die notwendige technische Expertise mitbringe. In der Kombination aus Radio-Know-how und moderner Technologie sieht der scheidende Gründer eine Chance, die in dieser Form in der Schweiz einzigartig ist und das Überleben der Marke sichert, ohne dass sie in einem grossen Medienkonzern aufgeht.

Der Rückblick auf die vergangenen 30 Jahre gleicht einer Achterbahnfahrt. Was 1995 mit der Vision eines modernen Jugendradios begann, führte über den jahrelangen Kampf gegen staatliche Funkkonzessionen bis hin zum wirtschaftlichen Tiefpunkt im Jahr 2014. Damals verlor Scaglione die Kontrolle über sein Projekt, nachdem ein Investor zugesicherte Zahlungen verweigerte. Dass er die Markenrechte später zurückgewinnen und mit My105 digital neu starten konnte, betrachtet er heute als wichtigen Abschluss. Er wollte den Zeitpunkt und die Art seines Abgangs selbst bestimmen.

Für die Zukunft von My105 bedeutet der Inhaberwechsel eine strategische Neuausrichtung unter dem Einfluss neuer technologischer Möglichkeiten. Giuseppe Scaglione betont zum Abschied, dass Leidenschaft zwar das Fundament sei, man sich aber auch in schwierigen Phasen selbst treu bleiben müsse. Während er künftig in Italien die Sender seiner Jugend hört, bleibt sein Erbe in den Händen eines Nachfolgers, der die Geschichte des Senders My105 von Beginn an mitgeschrieben hat.

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