Frank Dignaß: Privatradio hat eine Chance wenn…!

Wieder gab es Zeugnisse für die Radioschaffenden und wieder gibt es lange Gesichter bei vielen lokalen wie regionalen Sendern. Besonders in Baden Württemberg liegt das Privatradio scheinbar im argen. Außer Radio Seefunk, Energy Stuttgart und Radio Regenbogen haben alle Privaten Hörer verloren. Besonders dramatisch sind die Verluste in Karlsruhe (die neue Welle) und in Heilbronn (Radio Ton).

Beim hören der Programme wundert es nicht, dass die Hörer besseres suchen. Zum einen das ewig leidende Thema “Musik“, zum anderen die Moderatoren/innen. Ich bin davon überzeugt, dass die sg. Vielfalt bzw. Abwechslung eher im jeweiligen CD-Wechsler der Hörer stattfindet als im privaten Radio.

Und mal ehrlich, durch fehlende Emotionalität und Kreativität bei den Mods bevorzugt man eher eine Lesung oder einen Besuch beim Bauerntheater wenn man unterhalten werden möchte. Von regionaler bzw. lokalen Informationen, die nur noch nebenbei stattfinden möchte ich gar nicht reden.

Ein gutes Radio hat dann eine Chance, wenn es anders ist als der Mitbewerber. Heute klingen alle gleich. Sei es in der Musik, Claims, Höreraktionen, Aufsagen von Texten ect. Hier haben die sg. Berater ganze Arbeit geleistet. Anstatt sich mit den Menschen zu beschäftigen, die im jeweiligen Sendegebiet leben, werden vom PD über Moderatoren bis hin zum Praktikanten alle Mitarbeiter verbogen und zur Marionette des Beraters, der selbst die von ihm mit zu veratworteten schlechten Zahlen noch irgendwie versucht positiv darzustellen.

Warum hatten wir damals​ in der Anfangszeit des deutschen Privatradio diesen durchschlagenden Erfolg? OK, es war was Neues, aber wir waren auch anders als unsere Mitbewerber. Und man hat uns machen lassen. Kreativität war gefragt und wurde gefördert. Man hatte das Vertrauen der “Chefs“ und der Erfolg gab allen recht.

Gerade beim Thema Musik möchte ich ein Beispiel bringen. Ich bekam damals eine Mustersingle von den Scorpions. Es war “Wind of Change“. Ich ging damit zu unserem Musikchef und fragte, warum wir das nicht spielen. Als Antwort bekam ich: “ist zu rockgitarrenlastig“. Ich sagte damals zu ihm: “…du wirst es noch so oft spielen, bis es dir aus den Ohren hängt….“ Damals war der erste Berater ins Haus gekommen um uns über die 100.000 Hörer/Stunde zu bringen. Heute sind es noch knapp die Hälfte.

Das Regional/Lokalradio wie damals gibt es nicht mehr. Leider! Oder besser: WARUM NICHT?
Wenn der erste private Sender sich wieder auf seine Stärken besinnt, kreativ, spontan und dadurch auch wieder für die Hörer nahbar ist und die Hörer wieder durch sein tun überrascht, auch in der Musik, dann sehe ich eine gute Chance, dass es wieder bergauf geht.

Also “back to the roots“ es wird sich auszahlen.
Vertraut eurer Mannschaft, seid skeptisch gegenüber euren Beratern und hinterfragt mehr deren tun.

Liebe Grüße
Frank Dignaß

Frank Dignaß war jahrelang Moderator beim Heilbronner Regionalsender Radio Regional / Radio Ton. Bundesweite Bekanntheit erreichte er u.a. durch die Sat.1 Fernsehsendung Gottschalks Hausparty mit Thomas Gottschalk.

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