Frank Dignaß: Das „Auf“ und „Ab“ des deutschen Privatradios

Sind wir mal ehrlich, 2 mal im Jahr feiert sich die Radiobranche, wie gut man wieder bei der MA abgeschnitten hat. Da werden Zahlen kommuniziert, die sicher beim ein oder anderen ein gewisses Kopfschütteln auslöst. Auf einmal liest man, dass z.B. 300 000 Hörer den jeweiligen Sender kennen. Aha, soviel kennen also den Sender – aber sie hören ihn nicht!

Werden da nicht immer wieder viele/alle für dumm verkauft? Zumindest die werbetreibende Wirtschaft bzw. deren Werbeagenturen sollten da mal genauer hinschauen, besser, genauer nachfragen.

Ok, die großen landesweiten Sender haben über die Jahre gesehen stabile Hörerzahlen die immer wieder Schwankungen unterliegen. Wenn man da ab und an im Programm nachjustiert kriegt man das hin. Aber was ist mit den vielen Regional- bzw. Lokalsendern? Hier sprechen wir nicht mehr von geringen Schwankungen. Zum Teil sind es erdrutschartige Verluste (siehe MA 2015 I+II), die sich eben kaum noch dem Werbekunden erklären lassen.
Hört man dann in die verschiedenen Programme rein, wundert man sich wirklich nicht mehr.

Ein Einheitsbrei an Musik, Linercards, die vom Moderator/in lustlos und ohne jeglicher Emotion herunter geleiert werden, und Humor sowie ewiges „Lustig sein“ in unzähligen Morningshows, die schon lange keine Shows mehr sind.
Dazu wird die Waffe des Lokalradios, nämlich Regionalität, nicht genutzt. 3 Meldungen in den Nachrichten zur halben Stunde ist einfach zu wenig. Regionalität ist so viel mehr.

Ich habe meinen Jungmoderatoren (auch den erfahrenen Mods) immer gesagt: „……Ihr seid keine Komiker. Der Hörer muss sich nicht bei jedem Satz, den ihr von euch gebt, vor lachen auf die Schenkel klopfen. Wenn ihr es schafft, dass der Hörer mit euch gerne mal ne Tasse Kaffee trinken möchte, dann habt ihr viel erreicht…..“

Phil Collins, Tina Turner, Queen etc. – ich habe sie so gerne gehört. Deutschlands Privatradios haben es geschafft, dass ich „In the air tonight“, „simply the best“ und „radio gaga“ wirklich nicht mehr hören kann. Und liebe Radiomacher, das geht euren Hörern genau so. 500 Titel in der Rotation, oft über Jahre, sind einfach ein bisschen wenig. Bei 10 – 12 Titel pro Stunde ist eine Abwechslung bzw. Vielfalt nicht machbar. Auch wenn die Moderatoren es immer wieder predigen müssen, der Hörer ist jetzt nicht ganz blöd.

Die Frage muss erlaubt sein: Warum Berater?
Ich kenne Berater die saßen kaum vorm Mikrofon, vielleicht mal irgendwann als Sidekick, aber mehr dann auch nicht. Erzählen immer wieder etwas von Marktforschung bzw. Musiktests, die unbedingt gemacht werden müssen etc.
Ein Kardinalfehler!!. Radio, vor allem die Hörer kann man nicht berechnen wie man immer wieder in den MA’s sieht. Außerdem gibt es genug Alternativen in der heutigen Medienwelt. Umso mehr kann das Radio hier seine Stärken ausspielen und tut es nicht. Die öffentlich-rechtlichen Radios haben viel von den „Privaten“ gelernt und dies weiter ausgebaut. Der Erfolg gibt ihnen Recht. Bitte jetzt nicht die fehlenden finanziellen Möglichkeiten als Ausrede. Viele Berater nehmen den Moderatoren und somit dem Radio jede Emotionalität sowie Kreativität. Die MA-Zahlen sprechen für sich.

Immer wieder wird das Wochenende sträflich vernachlässigt. Gerade am Wochenende gilt es, die Hörer für die kommende Woche zu binden. Viele Regional- und Lokalsender haben gerade am Samstag exorbitant hohe Hörerzahlen/Stunde die dann sonntags weg brechen. Der Hörer findet nicht was er sucht und schaltet um. Dieser Hörer ist erstmal verloren und kommt vielleicht erst wieder mittwochs oder Donnerstag zurück. Also wer immer wieder sagt, das Wochenende kann man vernachlässigen liegt sicher falsch!

Mit dem Honorar der Berater lässt sich viel effektiver arbeiten und die eigenen Mitarbeiter, die man doch fürs Programm eingestellt hat, sind wieder richtig motiviert. Damit meine ich den Programmchef bis hin zum Praktikanten.

Ich denke, es lohnt sich auf jeden Fall über die Stärken des Privatradios nachzudenken. Es gibt so viel Potential.

Herzlichst
Ihr Frank Dignaß

Frank Dignaß war einer von 3 Pionieren des Privatradios in Baden Württemberg innerhalb der Projektgruppe „Hörfunk“ der Tageszeitung Heilbronner Stimme. Dignaß war zuständig für den Bereich Unterhaltung inkl. Aufbau des Musikarchivs, Programmentwicklung sowie Schulung der Moderatoren. Er moderierte die Morgenshow, später den Vormittag und Nachmittag bei Radio Ton in Heilbronn. Insgesamt arbeitete er 14 Jahre lang für den Sender.

Die Hörer von Radio Ton wählten Frank Dignaß 2013 (rund 10 Jahre nach seinem Abschied vom Radio) anlässlich des 25. Geburtstag von Radio Ton, zum beliebtesten Moderator. Trotz seiner Verabschiedung vom Radio verfolgt er immer noch kritisch die deutsche Radiolandschaft.

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