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Christian Rahbari: Teasen ist toll – aber auf was?

Die Inhalte von Radio sind auf Musik, Wetter, Verkehr und kurze Nachrichten reduziert. Die Playlist optimiert und der Sendeablauf samt Musikliste automatisiert. Wann nicht mehr Moderatoren das Wenige ins Mikro sprechen, sondern Siri, Alexa und Co. bleibt abzuwarten.

Kostenoptimierung zum Nachteil von Inhalten – das war Jahrzehnte der Trend, der sich nun rächen wird. Denn auf „meine“ Musik im Radio warten, ist allenfalls für Oma ein Grund und Gewohnheit ihr Radio einzuschalten. Die Enkel – und nicht nur die – haben längst Spotify, Soundcloud, Itunes und was es noch unzähliges gibt um ihre Songs, ihre Musikliste bis hin zum Hörbuch immer dann abzurufen, wann es gewünscht ist. Der Hörer wird zum Musikredakteur und Programmchef. Zwei Berufe, die wie Taxi- und Busfahrer mit dem autonomen Fahren von Autos aussterben werden. Die Programme im Radio werden übrigens schon autonom gefahren, falls es noch keinem in der Nacht und am Wochenende aufgefallen ist. Radio ist also schon weiter als die Automobilbranche!

Marika Rökk hat einst im Revuefilm „Hallo, Janine“ für alle Programmverantwortlichen dieser Welt gesungen: „…und außerdem noch ein paar Noten, doch keine Noten von der Bank, nur Noten einer Melodie, die sing ich Stundenlang: (Refrain) Ich brauche keine Millionen, mir fehlt kein Pfennig zum Glück, ich brauche weiter nichts als nur Musik, Musik, Musik. Ich brauch kein Schloß um zu wohnen, kein Auto funkelnd und schick, Ich brauch weiter nichts als nur Musik, Musik, Musik.” Für Radiomacher wird es in Zukunft auch keinen Pfennig Glück und erst recht kein Schloss oder Auto mehr geben, wenn nicht endlich umgedacht wird.

Smartphones haben längst den Alltag der Hörer übernommen. Radio hören dabei wohl noch die wenigsten über ihr Smartphone, da die Internetgebühren dafür in keinem Verhältnis stehen. Aber bereits seit 2005 gibt es Podcasts – heute mit allem was das Herz begehrt und zum Nulltarif, da die Dateien im WLAN jederzeit runtergeladen werden und vor allem gehört werden können, wann immer es der Hörer mag. Die nächste Folgen kommen ganz automatisch, ohne dass der Hörer etwas tun muss auf´s Phone. Jetzt stellt sich die Frage, was das mit Radio zu tun hat. Nichts, denn Radio schafft sich gerade ab. Nicht nur die Programmkosten sind quasi verschwunden, der Rest wird es auch tun.

Könnte Radio nicht auch Podcasts? Grundsätzlich ja. Man könnte sogar darauf teasen. Aber leider gibt es keine Inhalte. Weder Musik, noch Wetter und Verkehr haben auch nur ansatzweise eine Berechtigung als Podcast hergestellt zu werden. Eingekaufte Comedyserien, die bereits auf unzähligen Sendern als einziger Inhalt mehrfach am Tag abgedudelt werden, auch nicht. Da möchte der Hörer schon was anspruchsvolleres als 2 Minuten 30 nachgemachte Kinderstimmen am Telefon oder sonstiger Nonsens.

Dann könnte man die Moderatoren etwas aus ihrem Leben erzählen lassen oder interessante Geschichten aus der Stadt. Wäre toll, aber freisprechen hat man den Moderatoren bereits vor vielen Jahren abgewöhnt und ihre Personality geben sie bereits beim Betreten des Studios ab. Anecken will man schon gar nicht. Bleibt also nichts, was in einem Podcast verwendet werden könnte.

Seit den 2000er Jahren wurde das Interesse an Sozialen Medien geweckt. Mit Einführung des Smartphones 2007 von Apple gingen die Zugriffzahlen rasant nach oben und Facebook, Instagram und Co sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Auch hier hat Radio viel zu spät den Trend erkannt und bis heute keine Umsetzung oder gar Verknüpfung mit dem Programm geschafft. Welcher Sender teast auf seinen Social Media Kanal? Wie viel Zugriffe haben die Sender? Bei vielen nicht der Rede wert.

Wenn die Radiosender auch diesmal den Trend von Podcasts verschlafen, keine Personalitys aufbauen und anfangen die Hörer wieder da abzuholen, wo sie sind, dann wird es Radio nur noch aus dem Computer, als eine von vielen Möglichkeiten sich berieseln zu lassen, geben.

Geht raus zu den Hörern, erzählt ihre Geschichten, erzählt aus eurem Leben und werdet wieder spannend und unberechenbar – nur dann kann Radio als Medium in Verbindung mit Social Media und Podcast überleben. Übrigens würde dann auch das Teasen, wie von Yvonne Malak gepriesen Sinn machen. Mit Musik, Musik, Musik braucht es keine Millionen, denn die verdienen dann andere.

Kurzvita:
Christian Rahbari wurde 1964 in Berlin geboren. Hat Betriebswirtschaft studiert und schon während des Studiums erste Anstellungen als Moderator angenommen. Sein erster Sender war Radio in Berlin 103,4 gefolgt vom ersten Talkradio in Deutschland „NewsTalk“, dem Wortradio „Berlin Aktuell“ und später „F.A.Z. Das Business Radio“. U.a. hat er für die Berliner Morgenpost geschrieben und beim lokalen TV Sender „TV Berlin“ eine tägliche Call In Sendung moderiert. Er kehrte 2003 den Medien den Rücken zu und ging in die Industrie. Als COO ist er in einem Berliner Unternehmen mit einem Umsatz von 10 Millionen Euro  pro Jahr für 120 Mitarbeiter verantwortlich. Seit 2016 ist er wieder nebenbei als Hobby on air. Auf dem kleinen lokalen Sender BHeins in Potsdam-Babelsberg probiert er mit Frank Weiss neue Radioformate aus und produziert einen wöchentlichen Podcast.

Bei diesem Text handelt es sich um einen Debattenbeitrag des Autors, der nicht unbedingt die Meinung der Redaktion widerspiegeln muss. radioWOCHE.de veröffentlicht in loser Folge Diskussionsbeiträge zur Zukunft des Radios in einer sich wandelnden Medienwelt.

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