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Radio und Medienethik: Warum das Thema gar nicht groß genug geschrieben werden kann

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Alles, was in das Thema Nachrichtenmedien eingebunden ist, steht derzeit von verschiedenen Seiten unter einem Beschuss, der zumindest in der Geschichte der Bundesrepublik einzigartig ist. Zwar fand eine Langzeitstudie der Mainzer Gutenberg-Universität heraus, dass das generelle Medienvertrauen 2019 beispielsweise bei erfreulichen 43 Prozent lag (2015 betrug es nur 28 Prozent); jedoch befindet sich auch die Zahl derjenigen, die befinden, man könne den Medien eher bzw. gar nicht vertrauen, mit 28 Prozent auf einem Allzeithoch. Auch das Radio gehört dazu; es hat zudem wegen seiner enormen Alltagspräsenz in dieser Hinsicht eine vielfach noch höhere Bedeutung als andere Medien. Klein beigeben vor den Kritikern ist keine Option. Aber was hilft gegen sie?

1. Das Radio – ein medialer Spezialfall
Wie informieren sich Deutsche über das politische Geschehen? Hier ist trotz Digitalisierung das öffentlich-rechtliche Fernsehen nach wie vor die mit Abstand bedeutsamste Quelle – weit vor Tageszeitungen und Internetangeboten. Doch bereits an dritter Stelle folgt ÖR-Radio, wohingegen Privatradio mit nur einem Prozent an zehnter und letzter Stelle liegt.

Jedoch ist es nicht nur diese prozentuale Verteilung, die das Radio per se zu einem medialen Sonderfall macht, es sind andere Gründe, vor allem im Vergleich mit dem Nachrichtenmedium Internet.

Die Rolle fester, aber kurzer Nachrichtenblöcke
Wie häufig laufen im Rahmen eines normalen Radioprogramms Nachrichten? Typischerweise einmal zur vollen Stunde in einem kurzen Block. Einerseits können sich Zuhörer deshalb darauf verlassen, zu einer bestimmten Zeit regelmäßig aktualisierte Nachrichten zu hören. Andererseits sorgt die programmgestalterische Ausrichtung dafür, dass nur Nachrichten von besonderem Gewicht vermeldet werden und auch diese nur vergleichsweise oberflächlich.

Zusätzliche größere Nachrichtensendungen, wie sie vor allem im Fernsehen üblich sind, gibt es nur bei wenigen Radiosendern. Ihr Fokus liegt auf der (musikalischen) Unterhaltung, die gesendeten Nachrichten nehmen deshalb nur ergänzende Funktion ein.

Dadurch, dass Radio nur zu bestimmten Zeiten Nachrichten ausstrahlt, bietet sich die Möglichkeit, sorgfältiger vorzugehen als vor allem bei reinen Internetangeboten. Foto: Stock.adobe.com

Kein Zwang zu Klicks und brachialer Aktualität
Viele der großen Zeitungen und Magazine betreiben Ableger im Internet. Teilweise sind diese für die Wirtschaftlichkeit der dahinterstehenden Verlage auch deutlich bedeutsamer als die papierne Ausgabe – Der Spiegel beispielsweise erreichte 2020 mit seiner gedruckten Ausgabe rund 7,4 Millionen Menschen, wohingegen seine Online-Sparte im selben Jahr je nach Monat zwischen knapp 30 und gut 21 Millionen unique User erreichte.

Schon an diesem Punkt unterscheidet sich das Radio. Nur die beiden quotenstärksten Sender erreichen ein niedriges Millionenpublikum, alle anderen liegen deutlich darunter. In Sachen Nachrichten jedoch hat Radio einen Vorteil, vor allem gegenüber dem Internet: Es gibt hier keinen Zwang dazu, durch ständig aktualisieren Nachrichten-Content Klicks zu generieren und eine Aktualität im Minutentakt einzuhalten. Im Gegensatz dazu sind viele Nachrichten-Internetseiten, wegen dem hier vorherrschenden Fokus, extrem wechselhaft; typischerweise werden im Takt weniger Minuten neue Artikel veröffentlicht.

Doch warum ist das aus medienethischer und medienkritischer Sicht ein Vorteil für das Radio? Durch die kurzen, festen Nachrichtenblöcke ist es möglich, „Tempo herauszunehmen“. Der Hörer wird nicht mit ständig aktualisierten News überflutet, sondern kann sich darauf verlassen, einmal stündlich über die wichtigsten Themen informiert zu werden – und diese eine Stunde lässt auch deutlich mehr Raum, um sorgfältig zu recherchieren, Inhalte zu aktualisieren. Das gilt selbst für die Radio-Internetpräsenz, wo die Leser eine deutlich niedrigere „Schlagzahl“ akzeptieren und erwarten als bei anderen Medienangeboten.


Die konzentrierte sozialmediale Bedeutung
Beinahe jeder Radiosender pflegt einen sozialmedialen und/oder anderweitigen Auftritt, steigert hier natürlich auch seine Reichweite durch das Vermelden von Nachrichten. Allerdings hat die generell verminderte Quote auch hier einen Vorteil: Sie macht es deutlich einfacher, moderierend einzugreifen. Tatsächlich wäre es hier sogar möglich, eine Vorgehensweise aus einem völlig anderen Metier zu replizieren, die sogenannte Know your Customer (KYC) Verifizierung, welche in der Glücksspielbranche Usus ist; also beispielsweise eine Klarnamenpflicht, nachzuweisen durch ein Ausweisdokument.

Denn: Das Internet ist letztlich derjenige Ort, an dem nicht nur die meiste Medienkritik entsteht, sondern sich eine regelrechte „Schatten-Nachrichtenwirtschaft“ entwickelt hat. Zusammen mit dem anonymen Vorgehen ist es leicht möglich, echte Nachrichten in Kommentaren infrage zu stellen, Behauptungen aufzustellen, die Diskussion entgleisen zu lassen.

Für die Glaubwürdigkeit der Medien ist dies schon schlecht, wenn es abseits von deren Auftritt passiert, etwa in Blogs. Beginnen jedoch Trolle, Extremisten und haltlose Kritiker im „Vorgarten“ eines Senders damit, Fake News, Halbwahrheiten und Zweifel zu streuen, erreichen sie ein viel größeres Publikum und ziehen gleichsam die Glaubwürdigkeit eines seriösen Mediums herab.

2. Medienethik – was ist das eigentlich?
Medien sollen sich ethisch verhalten. Eine Aussage, die viele unterschreiben würden. Doch was ist dieses „ethische Verhalten“? Und wo befindet sich die Grenze zu unethischem Verhalten? Die Antworten darauf zu kennen ist wichtig, um zu erkennen, warum Medien kritisiert werden und wie sie reagieren sollten.

Mehr als nur ein Wertekodex
Ethik wird von vielen nur als Wertekanon übersetzt. Falsch ist das nicht, aber auch nicht allumfassend. Medienethik befasst sich viel mehr mit Arbeitsweisen und mit der Frage, was (Nachrichten-)Medien wie und warum berichten sollten. Dazu umfasst diese Unterdisziplin der Ethik auch die Frage, in welcher Weise sich unterschiedliche Vorgehensweisen bei den Adressaten auswirken.

Damit wird Medienethik zu einem breit gesteckten, auf viele abstrakt wirkenden Feld, das jedoch eine enorme Bedeutung hat, da mit ihr eine große Verantwortung einhergeht.

Eine Sache der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung
Denn letztendlich geht es hier darum, dass Medien als Überbringer von Nachrichten eine enorm wichtige Rolle innerhalb von gesellschaftlichen (Meinungsbildungs-)Prozessen einnehmen. Medienethik stellt die Frage, wo Verantwortung beginnt und wie diese sich auswirkt – beispielsweise, wenn detaillierteste Beschreibungen der Vorgehensweisen eines Serientäters Nachahmungstäter auf den Plan rufen oder der Tenor von Meldungen Ressentiments gegen bestimmte Gruppen hervorruft.

Just dies macht Medienethik auch für die Wissenschaft zu einem schwierigen Feld: Es gibt kaum allgemeingültige Patentlösungen dafür, wie Medien und somit auch das Radio vorgehen sollten. Denn werden Inhalte zu vage gehalten, entsteht die Kritik des Zurückhaltens von Informationen; sind sie hingegen äußerst detailliert, kann auch dies Kritik hervorrufen. Berichten mehrere Medienportale uneinheitlich, entsteht die Kritik der Parteinahme; ist der Tenor jedoch einheitlich, sind Kritiker schnell mit dem Vorwurf der Gleichschaltung zugegen.

Letztendlich geht es – stark vereinfacht ausgedrückt – darum, ständig die Balance halten zu müssen und sich jederzeit darüber bewusst zu sein, dass jede Art und Tonalität von Nachrichtenmeldung bestimmte Reaktionen hervorrufen kann.

Alles, was einen Nachrichtenwert hat, kann medial unterschiedlich aufbereitet und von den Rezipenten aufgenommen werden. Foto: Stock.adobe.com

Der deutsche mediale Sündenfall: Gladbeck
In diesem Sinne sollte es für jeden nachrichtenmedial Schaffenden obligatorisch sein, das Paradebeispiel für unethisches mediales Verhalten zu kennen, die Geiselnahme von Gladbeck anno 1988. Die zentralen Kritiken:

  • Zahllose Reporter berichteten live vom Geschehen, interviewten die Involvierten und boten den Geiselnehmern somit eine riesige Bühne.
  • Einige Reporter versteigerten sich sogar zu regelrechten Regieanweisungen an die Kriminellen. Diese wurden beispielsweise gebeten, einer Geisel nochmals die Waffe an den Kopf zu halten – für ein besseres Foto.
  • Es wurde sich in die Polizeiarbeit eingemischt, Reporter machten sich eigenmächtig zu Vermittlern zwischen den Geiselnehmern und der Polizei, behinderten deshalb die Arbeit der Beamten – auch wenn es Medienvertretern dadurch gelang, die Kriminellen zur Freilassung von insgesamt fünf Geiseln zu bewegen.
  • Ein Reporter steigt in das Fluchtauto, lotst die Geiselnehmer in der letzten Phase ihrer Irrfahrt aus der Kölner City heraus.

Auch das Radio war daran nicht unschuldig. Laut der Süddeutschen Zeitung begrüßte Radio Bremen die Geiselnehmer sogar im Morgenprogramm „als sei eine Band auf Tournee in der Stadt eingetroffen“.

Für die deutsche Presselandschaft hatte der Fall ein dramatisches Nachspiel. Denn die Kritik an diesem als voyeuristisch, anmaßend, sensationsheischend und die Lage verschlimmernd angesehenen Verhalten war gigantisch. Infolgedessen erließ der Presserat ein Verbot, Geiselnehmer während der Tat zu interviewen und sprach sich sehr kritisch gegenüber journalistischen Vermittlungstätigkeiten zwischen Kriminellen und der Polizei aus.

Die Tragödie von Gladbeck war Anlass für ein ziemlich gründliches Nachdenken über Rolle und Aufgabe des Journalismus, Anlass auch für Schuldbekenntnisse, die von “krasser Grenzüberschreitung” handeln. Könnte sich also die Gladbecker Tragödie heute so nicht mehr wiederholen? Man möchte das gern so sehen, aber es ist nicht so. Zwar gehören die “Lehren aus Gladbeck” zum Medienunterricht jeder Journalistenschule. Aber im Netz gibt es keinen Medienunterricht. Die sogenannten sozialen Medien würden sich, so ist zu fürchten, um die neuen Regeln und die Lehren von damals gar nichts scheren.“
Süddeutsche.de, 16.8.2018

3. Warum Medienethik heute so wichtig ist
Medien sollten sich in einer ethischen Weise verhalten, sollten selbstreflektierend agieren und sich der Auswirkungen ihres Handelns in sämtlichen Variationen bewusst sein. Allerdings stellt sich natürlich die Frage, warum diese Medienethik ausgerechnet gegenwärtig so bedeutsam ist.

Eine veränderte Wahrnehmung innerhalb der demokratischen Gemeinschaft
Am 29. Januar 2021 brachte der WDR seine Sendung Die letzte Instanz mit dem Schwerpunkt Rassismus und Diskriminierung. Was grundsätzlich ein extrem wichtiges Thema ist, wurde jedoch in dieser Sendung in einer Weise diskutiert, die schon während der Ausstrahlung und erst recht danach die Kritiken extrem hochkochen ließ – weil die Talkrunde ausschließlich aus Weißen (und zudem nur einer Frau) bestand, die schon aufgrund dieser Tatsache nur eine berichtende, beobachtende Sichtweise einnehmen konnte. Nicht eine auf eigenen Erfahrungen basierende, wie es für eine Diskussionsrunde eigentlich vonnöten wäre.

Dass auch 2021 derartiges noch vorkommt, zeigt nicht zuletzt, dass Medienethik ein niemals abgeschlossener Prozess ist. Denn was als gesellschaftlich akzeptiert gilt, unterliegt einem ständigen Wandel. Aus einem früheren ethischen Standpunkt heraus hätte die Sendung vielleicht alles richtig gemacht, indem sie über das wichtige Thema diskutierte. Mittlerweile jedoch hat ein gesellschaftlicher Wandel stattgefunden, durch den ein ethisches Verhalten erfordert, ein Thema vor allem von Involvierten besprechen zu lassen oder diese zumindest zu Wort kommen zu lassen.

Das heißt, es genügt beispielsweise nicht, sich einfach nur an den Vorgaben des Presserats zu orientieren (obwohl dieser natürlich nicht für Fernsehen und Radio zuständig ist), sondern es sollte immer wieder eine darüberhinausgehende Reflexion erfolgen: Ist die Art und Weise, in der wir mit einem bestimmten Thema umgehen, aus einer gesellschaftlichen Sichtweise heraus überhaupt noch zeitgemäß?

Die lauten Stimmen der Gegner
„Lügenpresse“; „Lückenpresse“; „Systempresse“; „Mainstream-Medien“. Die Liste der Titulierungen der Medien vonseiten der Kritiker ist lang, kreativ und scheut sich auch nicht davor, tief in die Kiste der sprachlichen Geschichte zu greifen.

Viele Medien reagieren auf derartige Vorwürfe, indem sie sich instrumentalisieren lassen:

Das Pfeifen im Walde des heutigen Journalismus ist, einfach so weiterzumachen wie bisher. Die Flucht ins “business as usual”. Wie könnte falsch sein, was sich schon immer richtig angefühlt hat.

Das ist Verantwortungsabwehr, die Scheu, die Konsequenzen daraus zu ziehen, dass man eine Mitschuld trägt. Die autoritären Kräfte instrumentalisieren Qualitätsmedien der liberalen Demokratien weltweit, und deren Reaktion verdient im Pschyrembel unter “Stockholm-Syndrom” einen eigenen Abschnitt.“
Sascha Lobo, Spiegel-Online, 16.1.2019

Gerade deshalb ist es so wichtig, sich an ethischen Verhaltensgrundsätzen zu orientieren, immer wieder zu reflektieren, sich selbst zu hinterfragen. Nie hatten die Medien ein geringeres Informationsmonopol, niemals war es leichter, „alternative“ Medien zu konsumieren, diese zu verbreiten und darüber falsche Sichtweisen zu transportieren.

Die richtige Handlungsweise gegen diese Kritiker lautet nicht, sich mit jeder vorgebrachten Kritik zu beschäftigen und zu versuchen, sie zu widerlegen. Das hat nur zur Folge, dass diese Kritiker die Reichweite der Medien kapern und sich und ihre Ansichten einem noch größeren Publikum präsentieren können.

Früher wäre es ein medienethisches Verhalten gewesen, beide Seiten zu Wort kommen zu lassen. Just dies wissen jedoch Kritiker, Extremisten und ähnliche Kreise längst auszunutzen. Frei nach dem Motto „irgendetwas wird schon hängenbleiben“. Modernes medienethisches Verhalten, welches auch die möglichen Folgen betrachtet, fokussiert sich deshalb auch darauf, solchen Kreisen schlicht keine Bühne zu bieten – auch so können sie speziell im Internet noch genug Schaden anrichten.

4. Medienethik im Radio: Ein Praxisleitfaden
Was kann ein moderner Radiosender, vor allem privater Natur, heute tun, um sich ethisch zu verhalten? Nun, wenn in der Redaktion ein echtes Bewusstsein für die Problematiken vorhanden ist, dann ist schon viel getan. Auf jeden Fall ist es deutlich besser, als sich einfach nur als ein berichtendes Medium anzusehen und zu denken „im Zweifelsfall versendet es sich“.
Allerdings ist es auch möglich, deutlich darüber hinauszugehen. Tipps dafür zeigt das finale Kapitel dieses Artikels

Sprache hinterfragen
Nicht nur Worte haben Macht, sondern auch die Tonalität dahinter:

  • „…kam es gegen zehn Uhr abends zu einem blutigen Beziehungsdrama, bei dem ein Ehemann seine Frau tötete.“
  • „…wurde gegen zehn Uhr abends eine Frau durch ihren Ehemann ermordet.

Zwei Meldungen, derselbe Inhalt: eine Frau verstarb durch die Handlung ihres Ehemannes. Wie jedoch darüber berichtet wird, trägt entscheidend dazu bei, die öffentliche Wahrnehmung zu lenken – verharmlosende „Tötung“ im Rahmen eines „Beziehungsdramas“ auf der einen Seite; „Mord“ auf der anderen.

Hier setzt ein ethisches Verhalten voraus, dass sprachlich absolut präzise gearbeitet wird. Umschreibungen („Beziehungsdrama“, „Tragödie“, „Eifersuchtstat“) sollten unbedingt vermieden werden, denn sie können relativieren, können verharmlosen, können sogar eine Täter-Opfer-Umkehr in den Köpfen entstehen lassen.

Ähnliches gilt auch im Umgang mit anderen Meldungen – etwa die Bezeichnung von Maßnahmen gegen das Coronavirus als „drakonisch“ oder „knallhart“; generell sollte die (mittlerweile überaus häufige) Nutzung von Superlativen vermieden werden, weil sie zum Abstumpfen der Zuhörer/Leser führt.

Auch sollte immer wieder hinterfragt werden, inwieweit es zielführend ist, im berichtenden Alltag grundsätzlich nur nach den herkömmlichen journalistischen Grundsätzen zu agieren – also einfach nur über Probleme zu berichten. Gerade im Radio kann durch die notwendigerweise verkürzte Natur der Meldungen schnell die Realität als deutlich negativer wahrgenommen werden, als sie es eigentlich ist.

Besser kann es sein, zumindest teilweise nach dem Prinzip des konstruktiven Journalismus zu verfahren. Hierbei werden Entwicklungen skizziert, werden Lösungswege aufgezeigt, wird ein großes, schwerlösbares Problem in kleinere, lösbarere Teileinheiten aufgesplittet. In der Folge fühlt sich der Zuhörer weniger mit dem Problem alleingelassen. Das Medium (hier das Radio) übernimmt somit nicht nur die Rolle eines Nachrichtenübermittlers, sondern auch Lieferant möglicher Lösungswege.

Quellen hinterfragen und gegenrecherchieren
Woher beziehen viele Radiosender zumindest denjenigen Teil ihrer Nachrichten, der nicht durch eigene (regionale) Recherchearbeit erbracht werden kann? Vor allem durch die Presseagenturen sowie natürlich auch einen Blick auf andere Nachrichtenmedien.

So verständlich diese Vorgehensweise auch aus personalpolitischen Realitäten sein mag, so wenig trägt sie doch auch dazu bei, eine insgesamt bessere Nachrichtenlandschaft zu erschaffen. Denn wenn alle das Gleiche berichten, weil sich jeder auf nur wenige Quellen stützt, entsteht ein äußerst homogenes Nachrichtenbild, bei dem sich teilweise nicht einmal die Wortwahl unterscheidet – Kritiker, die alle Medien gleichgeschaltet sehen, haben dadurch ebenfalls ein so leichtes Spiel wie der Fehlerteufel.

Allein die Tatsache, wie oft es beispielsweise schon das Satiremagazin Der Postillon schaffte, selbst etablierten Medien eine gefakte Schlagzeile unterzujubeln (beispielsweise die Meldung, wonach Ex-Kanzleramtschef Pofalla in den Vorstand der Deutschen Bahn wechseln würde), sollte aufzeigen, wie wichtig es ist, nicht einfach nur unhinterfragt zu übernehmen.

Und wenn dennoch einmal ein Fehler unterläuft, sollte abermals nicht auf ein „Versenden“ vertraut werden, sondern die Sachlage zugegeben und analysiert werden.

Twitter-Stürme im Wasserglas
Was im Internet heiß diskutiert wird, wirkt oft allein deshalb groß und wichtig, weil viele Menschen sich zu dem Thema äußern. Speziell Twitter ist hier ein sehr gutes Beispiel. Auch professionelle Medienschaffende sind nicht davor gefeit, sich hiervon anstecken zu lassen – und im Zweifelsfall auch ganze Meldungen nur auf Basis eines solchen „Twitter-Sturmes“ zu erstellen.

Das Problem ist jedoch auch hier, dass die sozialmediale Öffentlichkeit nur teilweise das widerspiegelt, was die Bevölkerung wirklich bewegt. Ganze Meldungen auf derartigem Getöse aufzubauen, kann deshalb nicht nur an den Zuhörern vorbeigehen, sondern Nachrichten entstehen lassen, die eigentlich keine sind – in diesem Fall „adelt“ ein seriöses Medium, salopp gesprochen, irgendeinen Zwist von Social-Media-Nutzern, indem das Medium diesen zu einer echten Nachricht hochstilisiert.

Das soll nicht bedeuten, Twitter und Co. gar nicht zu nutzen. Nur sollten diese Seiten nur ein Teil der Quellgrundlage sein und bestenfalls als ergänzender redaktioneller Inhalt präsentiert werden, nicht als zentrales Zugpferd.

Zusammenfassung und Fazit
Traditionelle Medien, und damit auch das Radio, stehen unter Beschuss. Allerdings ist es keine Option, vor einer lautstarken Minderheit die Segel zu streichen. Gerade heute, wo sich Fake News so schnell verbreiten, wo ein lautstarker Social-Media-Mob Probleme sehr viel größer wirken lässt, als sie es tatsächlich sind, ist ein ethisches, den journalistischen Grundsätzen verpflichtetes Vorgehen wichtiger denn je. Nicht, weil es den Gegnern weniger Angriffsfläche böte, sondern weil es der meist haltlos hetzenden Masse klar belegte und transparente Fakten entgegnen kann. Nur das kann diesen wirklich den Wind aus den Segeln nehmen.

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