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USA: Dub, Punk und Jesus – In US-Metropolen starten zahlreiche Community Radios

Hinter dem Kürzel Low Power FM (LPFM) verbergen sich in den USA vereinfacht gesagt Community Radios. Sender, die nichtkommerziell und lokal ausgerichtet sind, können sich bei der US-Medienbehörde FCC um die entsprechenden Frequenzen bewerben. Gesendet werden darf mit maximal 100 Watt Sendeleistung – in Großstädten und Ballungsräumen teilen sich deshalb oft mehrere Sender Frequenzen oder Sendezeiten. Im Großraum Los Angeles wird auf 101,5  MHz so in jedem Stadtteil ein anderes Programm zu hören sein. Das kann kuriose Kombinationen nach sich ziehen, wenn sich in New York dann die katholische Kirche und chinesische Exil-Oppositionsgruppen eine Frequenz teilen, wie die „New York Times“ berichtet.

Community Radios kommen in die Großstädte
Gab es LPFM seit seiner Einführung im Jahr 2000 in den USA zunächst nur in ländlichen Regionen, öffnete die FCC im Herbst 2013 den Lizenzierungsprozess auch für die urbanen Märkte. Protest, der immer noch nicht ganz verstummt ist, kam von den kommerziellen Sendern und vom Public Radio-Verbund NPR, die Interferenzen befürchteten. Die Einführung von LPFM war dabei auch eine Reaktion auf die zunehmende Marktkonzentration in den USA, durch die immer mehr Lokalsender verschwanden oder lokale Sendeinhalte gestrichen wurden. In diesem Jahr wurden die ersten Lizenzen in US-Metropolen vergeben, die nun nach und nach on air gehen.

Dublab – das „weltbeste Onlineradio“ startet in Los Angeles auf UKW
Nicht nur auf das Internet setzt in Zukunft Dublab aus Los Angeles. Für den britischen „Guardian“ sind die Kalifornier „the world’s best online radio station“. Die Anfänge des DJ-Radios aus der Westküsten-Metropole reichen 17 Jahre weit zurück, als das Internet noch eine große Experimentierwiese war. Das Future Roots Radio, so die Selbstbeschreibung, ist seitdem ein Zuhause für Musik jenseits des Mainstreams geworden. Besonders Soul und elektronische Musik stehen im Mittelpunkt des Programms. Hat man im Netz eine weltweite Hörerschaft an Musikfans im Blick, wird Dublab demnächst auch stärker ins Bewusstsein der lokalen Hörer treten. Das Projekt bekam von der FCC eine der begehrten LPFM-Lizenzenund kann bald auf der UKW-Frequenz 99,1 MHz in Los Angeles auf Sendung gehen.

Bottom up-Radios in US-Großstädten entstehen
In San Francisco wird das San Francisco Community Radio ein UKW-Comeback erleben. Das Vorgängerprogramm, ein Studentenradio, hatte bis 2011 eine eigene UKW-Frequenz. Diese gehörte aber einer Universität, die sie 2011 verkaufte. Teilen wird man sich die LP-Frequenz 102,5 MHz mit der San Francisco Public Press, einer 2010 gegründeten Online-Zeitung, die als non-profit Organisation aufgebaut ist. In der Unistadt Pasadena, in der die US-Sitcom „Big Bang Theory“ spielt, bekommt das Fanzine Razorcake eine Lizenz, es beschäftigt sich mit der DIY Punkszene. Bisher produziert Razorcake Podcasts, demnächst kann man in der 140.000 Einwohner-Stadt auf der UKW-Frequenz 97,4 MHz senden.

Auch in anderen US-Metropolen wie Denver in Colorado (KOMF-LP 104,7 MHz der Open Media Foundation), Chicago (CHIRP 107.1 FM) oder in Philadelphia  (WPPM 106,5 MHz des Access Channels PhillyCAM) entstehen solche bottom up-Projekte von Künstlern und Initiativen, die Bürgern die Möglichkeit geben wollen selber Radio zu machen.

Bereits seit 2015 gibt es WNHH Radio in New Haven, Connecticut. Es ist ein Ableger der 2005 gegründeten Onlinezeitung New Haven Independent, die ihrem altehrwürdigen Print-Pendant in der Stadt seit ihrer Gründung den Rang ablaufen konnte. Nun macht die Webzeitung auch noch Lokalradio, auch in den USA bisher eher das Metier von Medienkonzernen und Verlagshäusern. In Boston veranstaltet hingegen die Stadtverwaltung selber Radio. Dort sendet seit kurzem WBCA 102.9 FM, das vom Boston Neighborhood Network, einem Offenen Kanal, und der Stadt gemeinsam verantwortet wird.

2500 Lizenzen – religiöse Formate dominieren
Die Zahl der lizenzierten LPFMs hat sich in den USA seit 2014 verdoppelt. Um die 2500 Lizenzen gibt es aktuell, aber nicht alle Gruppen sind bisher auch auf Sendung gegangen. 18 Monate haben die non profit-Gruppen Zeit, um nach der Lizenzerteilung loszulegen. Das ist nicht immer ganz einfach, müssen doch Gelder für den Sendebetrieb eingeworben werden. Die Bürgerradios, linksliberalen Künstlerradios, die Programme für alternative Musik und Projekte für abgehängte Stadtviertel in den Großstädten sind dabei aber nur ein Teil der LPFM-Bewegung. Nach einer Studie von Pew Research haben mehr als die Hälfte der lizenzierten Sender ein englisch- oder spanischsprachiges religiöses Format. Kirchengemeinden sind also mit Abstand die Hauptnutzer. Unter die LPFM-Lizenzen fallen zudem auch Programme von Polizeibezirken und anderen öffentlichen Institutionen, welche die Bevölkerung im Krisenfall informieren sollen. Die LPFM-Landschaft in den USA ist also vielfältig. Wer sich durch die Liste mit den lizenzierten Sendern klickt, bekommt einen Eindruck von den Gegensätzen, die in diesem großen Land zu Hause sind. Von den kulturellen Unterschieden zwischen Stadt und Land, von Religiosität und Liberalität, den Unterschieden zwischen den Bundesstaaten und auch vom demographischen Wandel, den das Land aktuell erlebt.

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