Programmreform bei Funkhaus Europa im Juli

Funkhaus Europa ist anders. Mit seinem Musikformat jenseits des Mainstreams stellt es in der deutschen Radiolandschaft eine echte Besonderheit dar. Damit hat sich der Sender eine treue Hörerschaft aufgebaut, die keine Lust auf das immer gleiche musikalische Einerlei hat. Die Freunde des Senders sind aber seit einiger Zeit von Reformplänen des WDR aufgeschreckt. Eine Petition auf change.org mit dem Titel „WDR kills the radio DJ – Stoppt die Funkhaus Europa Reform!“ sammelte bis heute 20.000 Unterschriften. Die Initiatoren treibt die Sorge um, dass aus Funkhaus Europa ein Mainstream-Format werden soll und die musikalische Vielfalt, welche die Welle aktuell noch auszeichnet, verschwinden könnte. Anfang 2015 ging Funkhaus Europa bereits einen Schritt in Richtung Mainstream und spielt seitdem rund 30% Chart- und Crossovermusik. Den Rest des Programms bestimmt aber weiterhin internationaler Global Pop.

WDR muss sparen
Hintergrund für die anstehende Reform ist die angespannte Finanzlage des WDR. Und diese wird sich nach der Entscheidung der NRW-Politik für eine Werbezeitenreduzierung beim WDR mittelfristig eher verschlechtern als verbessern. Deshalb schaut man sich in Köln auch das Programm von Funkhaus Europa genauer an. Die Zusammenarbeit zwischen den drei am Funkhaus Europa-Programm beteiligten ARD-Anstalten WDR, Radio Bremen und dem Berliner rbb wird neu verhandelt, nachdem der WDR 2015 den Kooperationsvertrag aufgekündigt hatte, um eine Diskussion über die Neuausrichtung in Gang zu setzen. Auch Funkhaus Europa sei von der schwierigen Finanzsituation des WDR betroffen, so die Rundfunkanstalt in einer Stellungnahme. „Es ist weniger Geld da“, bringt es Funkhaus Europa-Musikchef Francis Gay am Donnerstag im Gespräch mit dem einigen Sender auf den Punkt.

Echtes Musikradio
Er freut sich aber auch über die Reaktionen der Hörer: „Das sind Liebesbekundungen für Funkhaus Europa. Unser kleiner, bescheidener Radiosender ist im Lande zur Projektionsfläche für gutes Radio geworden. Wir sind sowas wie die Occupy-Bewegung  für das Public Radio“, sagte er am Donnerstagmorgen und zitiert aus den Posts auf der Petitionsseite: „Da ist die Rede von letzter Zuflucht für musikalische Individualität im Radio. Eine Oase fernab vom immer gleichen Gedudel.“ Auf die Sorgen der Hörer angesprochen, verspricht Gay: „Wir werden bunt bleiben“.

Auch WDR-Hörfunkdirektorin Valerie Weber hat dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ am Donnerstag ein ausführliches Interview zu den Reformplänen gegeben. Sie betont darin, dass sich an der Musikauswahl nichts ändern soll.  Aus Funkhaus Europa solle entgegen der Befürchtungen kein Mainstreamsender werden. Fakt ist aber, dass der WDR im laufenden Jahr nach Angaben von Weber rund 500.000 Euro einsparen muss.

1998 starteten WDR und Radio Bremen Funkhaus Europa, das aus den Gastarbeiterprogrammen der ARD hervorgegangen ist. 2009 schloß sich der rbb an, nachdem er sein Programm Radio Multikulti eingestellt hatte. Funkhaus Europa kann im Rheinland und Ruhrgebiet, in Bremen und Bremerhaven sowie in Berlin über UKW gehört werden. Quotenmäßig blieb das multikulturelle Funkhaus Europa immer ein Nischenformat – in Nordrhein-Westfalen hörten laut der letzten MA an einem durchschnittlichen Werktag (Montag bis Freitag) 126.000 Personen ab 10 Jahren das Programm, in Berlin waren es 23.000 und in Bremen 10.000.

Musiker kämpfen gegen Reformpläne
Doch das Global Sounds Radio, wie die Sender das Programm beschreiben, hat prominente Unterstützer. Zahlreiche Musiker wie Gentleman gehören zu den Mitzeichnern der Protest-Petition. Der deutsche Reggaemusiker postete auf Facebook einen Aufruf an seine Fans:

Funkhaus Europa ist einer der letzten Radiosender, fernab vom Mainstream, der noch Musik mit Ecken und Kanten spielt. Das Ende von diesem großartigen Sender wäre eine weitere Reduzierung der Vielfältigkeit. Rettet das Funkhaus Europa!“

Auch Jan Delay meldete sich per Twitter zu Wort:

Patrice unterstützt die Petition mit den Worten:

„Dank dem Kölner Sender betrat ich am 25. Juni 2000 zum ersten Mal eine richtig große Bühne am Tanzbrunnen. […] Nun will der WDR das Beste von Funkhaus Europa abschaffen. […] Es ist nicht im Sinne von echter und ehrlicher Musik, der nach und nach jegliche Plattform genommen wird. Es ist weder im Sinne von guten Nachwuchskünstlern die keine Mainstream Mukke machen wollen, noch in dem von einem Deutschland das Vielfalt will.“

Für die Blogrebellen ist Funkhaus Europa sogar eine Quelle der Inspiration.

Reduzierung der Sendezeit für die muttersprachlichen Sendungen
Der WDR hat nun am Donnerstag erste Details zur umstrittenen Programmreform bei Funkhaus Europa vorgestellt. Die Änderungen sollen voraussichtlich am 1. Juli wirksam werden.

Die dann sechs werktäglichen Sendungen in Muttersprachen werden von 60 auf 30 Minuten reduziert und auf einen späteren Sendeplatz verlegt. Neu hinzu kommt eine tägliche Sendung in Arabisch. Der WDR setzt dabei auf Online First, die Fremdsprachenangebote laufen künftig um 18 Uhr als Livestream und stehen anschließend on demand als Podcast zur Verfügung, zwischen 20 und 23 Uhr bekommen sie dann ihren Platz im UKW-Programm.

Neue Popkulturschiene zwischen 18 und 20 Uhr – Musikspezialsendungen werden eingestellt
Zwischen 18 und 20 Uhr soll es ab dem Relaunch stattdessen eine neue Sendung mit dem Schwerpunkt Musik und Popkultur geben. Auf diesen Sendeplatz wechseln dann die Inhalte von vier Musik-Spezialsendungen, die bislang am Wochenende zu hören waren.Vom WDR heißt es in einer Stellungnahme: „Wir haben uns entschieden, unsere Mittel in Zukunft ausschließlich auf die Tageszeiten mit nennenswerter Radio-Reichweite zu konzentrieren, also das Tagesprogramm und den Abend. Das Ziel: trotz sinkender finanzieller und personeller Ressourcen ein weiterhin ansprechendes Programm zu gestalten, das den öffentlich-rechtlichen Qualitäts- und Vielfaltsanforderungen gerecht wird. Denn der Kern des Programms, unser Charakter und unser Anspruch, bleibt natürlich auch nach dem Update erhalten. “

Umgestaltet wird  auch der Samstagabend, ab 20 Uhr sollen dort neue Musiksendeflächen entstehen. „Das Team um Musikchef Francis Gay startet gerade erst die Gespräche mit den DJs für ein neues Samstagabendkonzept. Sobald die Ideen feststehen, werden wir euch darüber informieren“, schreibt der WDR auf der Webseite von Funkhaus Europa.

Entfallen werden sicher einige Musikformate in der Nacht, die bisher von Partnerstationen übernommen wurden. Zu ihnen zählt die Worldwide Show des BBC-Moderators Gilles Peterson oder die Jazzanova Radioshow. Bei Funkhaus Europa verweist man darauf, dass die entsprechenden Sendungen auch online direkt bei den Partnern gehört werden können. Wie befürchtet werden auch eigenproduzierte Musiksendungen wie „5 Planeten“ und „Indigo“ eingestellt. In der Petition gegen die Reformpläne heißt es über diese Sendungen: „Diese Formate stehen für musikalische Vielfalt und Qualitätsjournalismus im öffentlich-rechtlichen Radio, indem sie Künstler, Klänge und Popkultur abseits des Mainstreams vorstellen. Sie bilden aktuelle Musiktrends aus den Metropolen in Europa, Afrika, Lateinamerika und dem Orient ab und inspirieren uns dabei immer wieder.“

Mitarbeiter der muttersprachlichen Redaktionen in Sorge
Die Mitarbeiter der muttersprachlichen Sendungen machen ebenfalls mobil. Auch das türkischsprachige Programm „Köln Radyosu“ hat eine Petition lanciert. „Die Kollegen und Kolleginnen in den Muttersprachen befürchten, dass dies eine weitere Scheibe der Salamitaktik ist, auf dem Weg zu kompletten Abschaffung dieser Sendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Gleichzeitig verliert der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit jeder Streichung von Minderheiten-Programmen an Alleinstellungsmerkmalen gegenüber privaten Rundfunkanbietern“, warnt David Jacobs von ver.di WDR bei „Menschen.Machen.Medien“. Gerade in Zeiten veiner massiv eingeschränkten Pressefreiheit in der Türkei, sei ein unabhängiges muttersprachliches Angebot wichtig.

Der WDR-Programmausschuss hat allerdings bereits grünes Licht für die Reform gegeben,  am 7. März werden die Pläne dann dem WDR-Rundfunkrat vorgestellt. Am 10. März befasst sich anschließend der Rundfunkrat von Radio Bremen in öffentlicher Sitzung mit den Änderungen bei Funkhaus Europa.

Nachtrag: Spiegel Online schreibt, dass  der Flurfunk raune, Moderatoren seien angewiesen worden, vor dem Mikrofon die Programmreform positiv darzustellen. Diese brächen nach Sendungsende aber weinend zusammen, so Spiegel Online weiter. Mitarbeiter sprächen von einem starken Druck seitens der Wellenleitung auf die Redaktion, damit niemand die Pläne öffentlich kritisiere.

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