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DAB+ Ausschreibung in Polen: Für jeden dritten Platz fehlen Bewerber

Der polnische Landesrat für Rundfunk und Fernsehen (KRRiT) hat am 20. Mai jeweils zwölf Plätze in sieben lokalen DAB+-Multiplexen ausgeschrieben. Die Kandidaten hatten 45 Tage Zeit, um ihre Bewerbung einzureichen. Am 19. Juli wurde die Liste der Bewerber veröffentlicht. Nur in der Stadt Tschenstochau könnten alle Plätze im lokalen Multiplex belegt werden. Eine Entscheidung steht nach den Sommerferien an.

UKW ist unangefochten der Hauptempfangsweg auf beiden Seiten des Grenzflusses Oder. Während in Deutschland DAB+ an Popularität gewinnt, ist das Digitalradio bei unserem östlichen Nachbarn immer noch ein Ladenhüter. Im Mai dieses Jahres startete die KRRiT eine Ausschreibung für eine 100-Watt-UKW-Frequenz in dem 75 Tsd. Einwohner zählenden Konin. Zwölf Kandidaten bewarben sich, von denen nur einer die Lizenz erhalten kann. Nur sechs Tage später veröffentlichte die KRRiT eine Ausschreibung für lokale DAB+-Multiplexe in sieben polnischen Städten. Für den Multiplex in der 1,7 Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt Warschau reichten gerade mal 10 Kandidaten ihre Bewerbung ein, für Städte unter 203.000 Einwohnern interessieren sich gerade mal 4 – 5 Bewerber.

Immerhin könnten 54 von 84 freien Plätzen belegt werden, denn einige Programmanbieter wollen ihre Programme in alle lokalen Multiplexen aufschaltet lassen, andere interessieren sich nur für eine, zwei oder viere Städte. Unter den Kandidaten sind neue Bewerber aber auch bekannte lokale Programmveranstalter wie Wasze Radio FM aus der Nähe von Posen und überregionale Anbieter wie MUZO.FM, das in mehreren Städten auf UKW gestartet ist und über DAB+ mehr Hörer erreichen möchte. Die großen polnischen Anbieter wie die RMF Gruppe, Eurozet (Radio Zet) oder Agora sind nicht unter den Bewerbern.

Grafik: Marek Schirmer

Die Bewerber im Einzelnen:

Open FM
Mit bis zu 160 Spartenkanälen im Internet gehört „Open FM“ zu den bekanntesten Internetradioanbietern in Polen. Hinter dem Projekt steht die börsennotierte Aktiengesellschaft „Wirtualna Polska“, die für das letzten Jahr Einnahmen in Höhe von 126 Mio. Euro deklarierte und mit 17,7 Mio. Euro ihren Gewinn um 90 % gegenüber dem Vorjahr steigern konnte. Drei Studenten der Technische Universität Danzig startete 1995 einen Webseitenkatalog, der zu einer Suchmaschine und einem Portal mit einer Vielzahl von Diensten erweitert wurde. Es kam zu Fusionen und Übernahmen anderer Anbieter. Heute gehört zu „Wirtualna Polska“ u.a. auch ein landesweiter Fernsehsender und diverse Portale, die nicht immer an der Marke „WP“ erkennbar sind, wie eben „Open FM“.

Geplant ist ein Hörfunksender, der auf der Erfragung mit den vielen Internetradiokanälen basiere. Lokale und landesweite Inhalte sollen Journalisten und Mitarbeiter beisteuern, die bereits den Fernsehsender und die Internetportale mit Informationen versorgen, teilte Radiowoche Joanna Skwarna, stellvertretende Vorstandsvorsitzende im Bereich Pay-Content bei Wirtualna Polska mit.

„Radio Profeto“
Das Polen katholisch ist, ist in Deutschland bestens bekannt, dass nicht nur „Radio Maryja“ die frohe Botschaft in die Häuser trägt, weit weniger. „Radio Profeto“ gehört zu einer Großzahl von polnischen Religionssendern, die auch auf UKW zuhören sind. Profeto ist seit 2016 nur in der Umgebung von Skomielna Biała südlich von Krakau zu empfangen. Nun möchten die Dehonianer, eine Gemeinschaft der Herz-Jesu-Priester, ihre Botschaft auch in andere Städte tragen und bewerben sich um einen Platz in allen sieben ausgeschriebenen Multiplexen. Die Dehonianer sind nicht die einzigen römisch-katholischen Christen, die ihre Programme über DAB+ ausstrahlen möchte, auch vier weitere katholische Sender wollen in Posen, Tschenstochau und Warschau ihre Programme auch digital ausstrahlen lassen.

„Sichere Reise“
… ist ein ungewöhnlicher Titel für einen Hörfunksender. Hinter dem Projekt steht die Stiftung „Emanico Arcus“ aus Legionowo, nördlich von Warschau. Zu den Stiftungszielen gehört auch die Unterstützung von Familien in schwierigen Situationen und Bildungsziele, wie die Aktivierung von Menschen für das Arbeitsleben. Der Bewerber ist nicht neu auf dem Hörfunkmarkt, die Stiftung übernahm bereits im Jahr 2015 „Radio Hobby“, dass sich in finanzieller Not befand. Die Übernahme konnte den Sender nicht vor dem Fall bewahren, denn „Radio Hobby“ hatte einen Pakt mit dem Feind abgeschlossen. Täglich übertrug „Radio Hobby“ eine Stunde lang das Programm von Radio Sputnik aus Moskau als eine Dauerwerbesendung. Doch ein Monitoring der KRRiT ergab, dass in der ausgestrahlten Sputnik-Sendung keine Werbung, sondern nur publizistische Inhalte verbreitet wurden. Der Programmanbieter hatte keinen Einfluss auf die Inhalte. Die Sendelizenz wurde entzogen. Die Stiftung „Emanico Arcus“ hatte sich bereits auch um UKW-Frequenzen in anderen Städten beworben, unterlag jedoch. Nun wird versucht auf den Radiomarkt über DAB+ zurückzukehren und das gleich in sieben Städten gleichzeitig.

MUZO.FM
Alternative Pop- und Rockmusik bietet auf UKW „MUZO.FM“, allerdings in nur einigen wenigen polnischen Städten. Mit DAB+ könnten vier neue Städte hinzukommen und in zweien der Empfang verbessert werden, denn MUZO.FM ist bereits in Posen und Warschau auf UKW zu empfangen, möchte aber auch über DAB+ verbreitet werden. Der Sender ist aus dem Programm von Radio PIN entstanden, das früher nur in Warschau zu empfangen war. MUZO.FM gehört zum Fernsehimperium Cyfrowy Polsat und somit dem zweitreichsten Polen Zygmunt Solorz-Żak. Den ewigen zweiten Platz attestiert ihm seit 10 Jahren das Wochenmagazins Wprost in der jährlich erscheinenden Liste der 100 reichsten Polen. Zu seinem Portfolio gehören Fernsehsender, eine eigene Bank, Mobilfunknetze, Kabelnetzbetreiber, ein eigenes landesweites DVB-T-Netzwerk das den Ausbau scheut, sowie Unternehmen aus dem Elektrizität- und Immobilien-Bereich.

Mega Radio, Disco Radio und Radio Nuta
Die drei Programme werden bereits im Rahmen mehrere Testausstrahlungen im Süden Polens in DAB+ ausgestrahlt. Jerzy Handzlik aus Bielsko-Biała ist der Miteigentümer von Radio Bielsko, EXPRESS FM und der drei neuen Programme Mega Radio, Disco Radio und Radio Nuta. Handzlik glaubt, dass die Festlegung der neuen Programme auf ein bestimmtes Format verfrüht sei. Sinnvoller sei es zum jetzigen Zeitpunkt den Markt zu beobachten und auf die Bedürfnisse der Hörer zu reagieren. Eine Beschreibung genauer Pläne für seine neuen Hörfunksender hält er für Kaffeesatzleserei. Eins ist klar, er möchte unbedingt dabei sein. Schon jetzt sind seine Programme von Berg Szyndzielnia in Bielsko-Biała auf dem Kanal 5B und in Breslau auf dem Kanal 11A, sowie im lokalen Kabelnetz zu empfangen. MEGA Radio wird zusätzlich im Rahmen einer Testausstrahlung im Multiplexes der Diözese Tarnow vom Berg Prehyba in den Sandezer Beskiden (Westkarpaten) ausgestrahlt.

Lokale Kandidaten
Vierzehn Anbieter bewerben sich nur um einen Platz in einem oder zwei lokalen Multiplexen. Unter den Kandidaten sind reine Internetradioprogramme, Lokalradios die ihre technische Reichweite durch DAB+ erhöhen wollen, sowie Programmanbieter die bereits an der gleichen Stelle auf UKW zu empfangen sind.

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